"Technostress" als Krankheitsrisiko Wenn Digitalisierung zu Stress bei der Arbeit führt
Stand: 15.10.2026 • 11:47 Uhr
Zunehmende Digitalisierung kann die Gesundheit von Beschäftigten gefährden. Besonders stark von diesem Stress betroffen sind einer neuen Studie zufolge Menschen mit überwiegend körperlichen Tätigkeiten.
Von Thomas Samboll, NDR
Wenn Beschäftigte durch die zunehmende Digitalisierung ihres Arbeitsplatzes unter gesundheitlichen Problemen leiden, bezeichnen Mediziner das als "Technostress". Eine Studie des Münchner ifo-Instituts, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Universität Konstanz hat diese Zusammenhänge näher untersucht.
Demnach macht mehr Digitalisierung vor allem diejenigen Beschäftigten häufiger krank, die überwiegend körperliche Tätigkeiten ausüben.
"Technostress" durch Einsatz von Robotern
Ein Beispiel liefert die Firma Strehl im niedersächsischen Bremervörde, die individuell angepasste Sitzhilfen für Kinder mit schweren Behinderungen fertigt. Dafür werden in der Firmen-Werkstatt Gipsmodelle hergestellt.
Früher mussten das seine Mitarbeiter noch eigenhändig machen, erinnert sich Gründer und Geschäftsführer Björn Strehl. "So ein nasses Gipsmodell wiegt auch schon mal 17 bis 20 Kilo. Schwerer Gips, nicht ganz ungiftiger Staub, und man muss sich stark konzentrieren", beschreibt er die körperliche Arbeit. Deshalb entschied das Unternehmen sich, für diese Modellarbeit einen Roboter anzuschaffen.
Doch die Umstellung auf digitale Robotertechnik fiel nicht jedem leicht. "Einen eingefleischten Handwerker werden Sie selten dafür begeistern können, auf einmal digital vor dem Bildschirm eine Form zu modellieren, um diese dann einer Maschine zu übergeben", so Strehl. "Und wenn man sich mit diesen Programmen nicht auskennt, dann kann es schon diesen berühmten Technostress geben."
Studie zeigt Unterschiede bei Beschäftigungsarten
Diesen Stress hat die aktuelle Studie unter Beteiligung des ifo-Instituts untersucht. Forschende verglichen zwei Gruppen miteinander: Beschäftigte mit Bürojobs und Beschäftigte mit überwiegend körperlicher Arbeit. Das Ergebnis: Menschen mit überwiegend geistiger Arbeit melden sich nicht häufiger krank, wenn komplexere Soft- und Hardwaresysteme im Arbeitsalltag Einzug halten.
Anders ist das bei Menschen, die einer körperlichen Arbeit nachgehen. Wer keinen klassischen Bürojob hat, fehlt der Studie zufolge rund 20 Prozent mehr Tage im Jahr nach der Einführung digitaler Technik wie beispielsweise Robotik oder vernetzter Maschinen.
Laut Studienautor Oliver Schlenker vom ifo-Institut liegt das wahrscheinlich an mangelnder Erfahrung in diesem Bereich: "Es geht nicht darum, dass besonders diese körperlichen Tätigkeiten im Vordergrund stehen, sondern dass bisher die Arbeitsplätze noch recht wenig digitalisiert sind."
Soziale Ungleichheit wird verschärft
Damit verstärkt sich die Tendenz, dass es diesen Beschäftigten ohnehin schon gesundheitlich schlechter geht. Denn gerade Beschäftigte mit körperlichen Tätigkeiten und niedriger formaler Bildung haben häufiger gesundheitliche Probleme wie chronische Rückenschmerzen, Gelenkverschleiß, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Stress.
Die Ungleichheit wird also noch weiter verschärft. Gezielte Digital-Trainings und die Unterstützung des Arbeitgebers können aber helfen.
Wie das geht, zeigt ein Beispiel aus Flensburg. Dort leitet Martin Enkelmann das Unternehmen Activ Industrie, in dem Metallbauer und Elektrotechniker arbeiten. Enkelmann hat seine Beschäftigten in kleinen Schritten mit den neuen Technologien im Betrieb vertraut gemacht, um die Akzeptanz zu erhöhen: "Zwischenzeitlich muss man auch Hybridlösungen anwenden. Also von der Papierform über ein digitales Papier dann zu einer rein digitalen Auswertung oder Eingabe am Schluss."
Freiwillige Kündigungen wegen digitaler Überforderung
Eine umfassende Schulung und viel Überzeugungsarbeit sind auch für Björn Strehl in Bremervörde entscheidende Faktoren. Zwar hat er niemanden entlassen, der die Digitalisierung nicht mitmachen wollte oder konnte - Beschäftigte seien dann an anderer Stelle eingesetzt worden, sagt er.
Aber Strehl sagt auch: "Wir haben tatsächlich Mitarbeitende verloren, die in der Robotik gearbeitet haben, weil sie mit diesem Programm, das wirklich nicht einfach zu lernen ist, einfach nicht zurechtgekommen sind. Am Ende hat das zur freiwilligen Kündigung geführt."
Auswirkungen von KI müssen noch erforscht werden
Wie Mitarbeitende unter Künstlicher Intelligenz gesundheitlich leiden und welche Beschäftigungsgruppe besonders betroffen ist, damit beschäftigt sich das ifo-Institut aktuell in einer Folgearbeit.
Denn für ihre Untersuchung zum "Technostress" hat das Forschungsteam Daten aus Betriebs- und Beschäftigungsbefragungen sowie Sozialversicherungsdaten aus den Jahren 2011 bis 2019 genutzt. Damals war Künstliche Intelligenz in den Unternehmen noch kein großes Thema. Studienautor Oliver Schlenker vermutet aber, dass sich der "Technostress" durch KI verstärkt.
