Unbequemes Kinderfernsehen In der "Sesamstraße" gegen Donald Trump
Stand: 16.10.2026 • 09:02 Uhr
Kinderfernsehen stellt oft Fragen, die auch Kinder selbst stellen würden - und provoziert damit immer mal wieder auch prominente Erwachsene. Doch trotz Kritik gibt es subversive Kinderserien bis heute.
Von Alexander Bühler, NDR
Zuerst die gute Nachricht: Irgendwann finden Kinder nicht nur "Peppa Wutz" spannend. Jetzt die schlechte: Danach kommt erst mal "Paw Patrol". Wer keine Ahnung hat, was das für Kinderserien sind - Glückwunsch. Fast jedes kleine Kind beschäftigt sich obsessiv mit diesen Serien. Eltern erkennen die Titelmelodien meist nach wenigen Takten.
In "Peppa Wutz" geht es um ein kleines, menschenähnliches Schweinchen, seine Familie und Freunde, die sich durch eine freundliche, harmlose Welt bewegen. Alle sind angezogen, können sprechen, lesen und schreiben (und Gitarre spielen). Auch sie selbst haben Kuscheltiere und laufen auf zwei Beinen durch die Gegend (wenn sie nicht Auto fahren). Seit der Folge "Die große Neuigkeit" gibt es sogar ein "Baby Wutz" in der Serie.
Eigentlich harmlos, doch chinesischen Machthabern zeitweilig ein Dorn im Auge: "Die große Neuigkeit" aus der Serie "Peppa Wutz"
"Peppa Wutz" im Visier der chinesischen Zensur
Seit 2004 hat das englische Produktionsstudio 459 "Peppa Wutz"-Fünfminüter produziert. Im neuesten nimmt Papa Wutz am London-Marathon teil. Lauter kleine, lustige Geschichten für Kinder.
2018 trübte sich allerdings kurz das Bild: Von einem Tag auf den anderen verschwanden die kurzen Peppa-Videos von der chinesischen Plattform Douyin. Offiziell, weil sie neben Darstellungen etwa von Nacktheit und Waffen hochgeladen worden seien. Nachzuprüfen war das nicht. Doch die Kinderbücher waren zuvor bereits ins Visier der Zensur geraten.
Die britische Zeitung The Guardian berichtete von "drastischen Kürzungen" bei der Bestellung chinesischer Verlage. Sie würden - so die kommunistische Parteiführung - "einen nicht zu tolerierenden Einfluss westlicher Ideologie" ins Land bringen. Familie Wutz und ihre Freunde könnten keine Vorbilder für die Jugend Chinas sein. Die internationale Aufregung legte sich schnell wieder. Doch die Frage, wie subversiv oder provokant Peppa Wutz sei, blieb.
Kinder stellen inkorrekte Fragen
Provokant findet Medienwissenschaftlerin Maya Götz die Serie tatsächlich auch. Was Erwachsene als Provokation erleben würden, sei aber lediglich, "dass die Kinderperspektive eingenommen wird", sagt die Medienwissenschaftlerin. Besonders gelte das bei Serien für das Vorschulalter. Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk.
Gerade Serien wie "Peppa Wutz" würden die Erlebniswelt der Kinder widerspiegeln. Für die Kinder sei es toll, dass ihr Humor im Zentrum stünde. Mit den Figuren könnten sie sich identifizieren - gerade auch, wenn die mal nicht richtig handelten. Und das, so Götz, provoziere Erwachsene, die immer möchten, dass Kinder brav sind und funktionieren.
Die Kinderperspektive, die eingenommen werde, empfänden einige als Provokation, sagt Wissenschaftlerin Götz.
Aufklärung aus der Sesamstraße
Das IZI ist eine der wenigen Stellen, die sich hauptamtlich mit dem Kinder- und Jugendfernsehen beschäftigt. "Harry Potter", "Pokemon" und Castingshows: Götz hat die wichtigsten Themen analysiert. Doch Fernsehen aus Kinderperspektive beginnt auch bei ihr mit der "Sesamstraße", 1971 in Deutschland, in den USA zwei Jahre früher.
Die US-amerikanische Serie sollte die Defizite in der vorschulischen Bildung beseitigen. Kinder aus benachteiligten Familien sollten Grundlagen erhalten, die ihre Umgebung nicht liefern konnte.
Ernie nervt Bert so lange, bis er weiß, was los ist - typisch für Fernsehen aus Kinderperspektive.
Aus Trump wird Ronald Grump
Sogar Donald Trump tauchte in der "Sesamstraße" auf, anfangs als Immobilienentwickler Ronald Grump: "Ich will euch zeigen, was ich hier in der Sesamstraße bauen will", sagte Grump damals. "Hier ein Foto eines Gebäudes aus Mülltonnen. Ich nenne das den Grump-Tower."
Zum 25-jährigen Bestehen der "Sesamstraße" hatte Grump neue Umbaupläne für die "Sesamstraße", mit ausladender Haartolle, gespielt vom Schauspieler Joe Pesci. Ein letztes Mal erschien Grump 2005 als Müll-Milliardär und Moderator der Show "The Apprentice", fast wie im echten Leben. "Ich bin Donald Grump", äußerte er gewohnt rotzig, "ich habe mehr Müll als ihr alle. Ich suche einen Lehrling. Du da, verzieh dich, du bist gefeuert".
Für die "Sesamstraße" hatte das ein übles Nachspiel. Trump und die MAGA-Bewegung haben die Macher der Kindersendung seitdem als "subversive Liberale" auf dem Zettel. Gleich nach Trumps Amtsantritt legten die Republikaner alle Finanzierungsquellen der "Sesamstraße" trocken. Seit Jahren schwinden die Marktanteile der Sendung in den USA. Nur mit Mühe konnte sich die "Sesamstraße" zu einem Streaming-Dienst retten.
Neuer subversiver Spaß für Kinder
Dort sind viele weitere Kindersendungen zu finden, die mit Provokationen arbeiten. Etwa die "Teen Titans - Go!", eine US-amerikanische Serie um vier alterslose Kinder-Superhelden: ein Cyborg-Junge, halb Mensch, halb Tier, ein cooles Mädchen, ein Grufti-Girl und ein Junge zwischen Batman und Superman.
Hier werden Probleme des Erwachsenwerdens gezeigt, ohne dass Erwachsene ins Bild kommen: wie das geht, einen Film zu machen, wie man Freundschaften führt, was man mit Klonen von sich selbst anstellen könnte. Eine Serie als lautes, schrilles Entertainment.
Darin bestehe das eigentlich Subversive, sagt Anke Lindemann, Leiterin des Kinder- und Jugendfilmfestivals Goldener Spatz: "Dass Kinder die Hauptrolle spielen, selbst entscheiden. Dass sie selbst ihr Leben in die Hand nehmen und sich nicht von anderen steuern lassen." Erwachsene Zuschauer würden gerade das als provokant erleben.
Eltern-Kind-Battle als Serie
Vielleicht ist deswegen auch die Serie "Salish and Jordan Matter" eine der erfolgreichsten. Darin möchte Jordan, Vater von Hauptfigur Salish, seine Tochter zu trivialen Aufgaben bewegen. Die können in den Filmen etwas pompöser aussehen: Der Bau der Hundehütte mutiert dann zum Palast in Größe einer Gartenlaube.
Salish will natürlich nicht, was ihr Vater will. Deshalb treten beide in Challenges gegeneinander an. Dabei legt Salish ihren Papa immer grinsend herein. Ein großer, subversiver Spaß. Die gewohnte Welt steht Kopf. Genauso sollte Fernsehen auch sein, damit Kinder (und Eltern) daran wachsen können, sagt Maya Götz: "Wir setzen Autoritäten ein bisschen unter Druck und treiben damit Späße."
Zuschauer würden sich damit als Familie, als Einheit ihrer selbst vergewissern. Im Subversiven wird die Zusammengehörigkeit deutlich. Ob schrill oder nicht: Das ist die große Konstante des Kinderfernsehens.
