Investitionen in Standort Deutschlands schwindende Anziehungskraft
Stand: 20.10.2026 • 14:23 Uhr
Für internationale Konzerne ist Deutschland seit Jahren immer weniger attraktiv. Sie meiden den Standort ganz oder halbieren geplante Investitionen, wie etwa der Pharmakonzern Eli Lilly in Alzey. Die Folgen sind gravierend.
Es ist immer noch ein Megaprojekt. Im rheinland-pfälzischen Alzey baut der Pharmakonzern Eli Lilly ein riesiges Werk. Aber statt zwei Milliarden wird nur noch eine Milliarde investiert, statt rund 1.000 Jobs werden es wohl nur noch etwa 500 sein.
Anfang Juni hat das Unternehmen seine Investitionssumme halbiert. Als Gründe nannte der Konzern die von der Bundesregierung gerade beschlossenen Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen und schlechtere Rahmenbedingungen.
"Es ist ein Warnsignal"
"Ich bin vom Kürzungsplan auch überrascht worden", erzählt Steffen Jung. Er ist der Bürgermeister von Alzey. Mehr als zweieinhalb Jahre hatte sich Jung mit der Stadt auf die Megainvestition eingestellt - neue Straßen, Wohnungen und Kitas geplant. "Trotzdem bleibt es eine herausragende Ansiedlung für Alzey und die gesamte Region", betont Jung.
Aber: Für den Bürgermeister ist die massive Kürzung ein Grundsatzproblem, das weit über Alzey hinausgeht. "Ich sehe die Entscheidung von Lilly Deutschland auch als Weckruf an die Bundesregierung. Es ist ein Warnsignal. Es ist jetzt die Aufgabe der Bundesregierung, mit Unternehmen ins Gespräch zu kommen und Deutschland für entsprechende Ansiedlungen wieder attraktiv zu machen."
"Ich bin vom Kürzungsplan auch überrascht worden" - der Bürgermeister von Alzey hatte mit deutlich höheren Investitionen gerechnet.
Immer weniger Investitionen
Alzey ist kein Einzelfall. Auch in anderen Regionen in Rheinland-Pfalz investiert die Wirtschaft immer weniger in den Standort. So verlagert der Chemiekonzern BASF aus Ludwigshafen schon seit Jahren Teile der Produktion nach China. In diesem Jahr gab es noch weitere Hiobsbotschaften: Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim gab bekannt, seine geplanten Investitionen in Deutschland in Höhe von 900 Millionen Euro komplett zu streichen. Die Gelder gehen nun vor allem in die USA und nach Asien.
Und eine geplante Batteriefabrik in Kaiserslautern wird gar nicht mehr gebaut. Der Batteriehersteller Automotive Cells Company (ACC) gab das milliardenschwere Vorhaben auf. Hauptgrund ist der schwache Absatz von E-Autos in Europa.
Auch Mittelstand leidet
Auch kleinere und mittlere Betriebe sind von der Entwicklung betroffen - so wie der Maschinenbauer "Minitec" in der Nähe von Kaiserslautern. Der Betrieb mit seinen 270 Mitarbeitenden fertigt Spezialanlagen. Geschäftskunden sind etwa die Automobil-, Lebensmittel- oder Baubranche.
"Die aktuelle Lage ist herausfordernd. Wir geben alles, um unseren Umsatz stabil zu halten", sagt Tobias Doll, einer der drei Geschäftsführer. Dabei sei der Bedarf eigentlich groß, so Doll. "Aus vielen Gesprächen mit unseren Kunden bekommen wir die Rückmeldung, dass sie sehr gerne investieren wollen. Aber unter den aktuellen Rahmenbedingungen tun sie das nicht, weil sich das Ding am Ende nicht rechnet."
Das gilt auch für den Betrieb selber. Neben dem Werk ist eine weitere Halle für 15 Millionen Euro geplant. Neue Jobs gäbe es auch, sagt Doll. Aber bis auf Weiteres fällt dieses Investitionsvorhaben aus. "Wenn die Rahmenbedingungen sich ändern und wir hier planbarer rechnen können, auch dann werden wir in eine solche Halle investieren."
Kaum noch frisches Kapital
Internationale Investoren machen einen großen Bogen um Deutschland. Das geht auch aus mehreren aktuellen Studien hervor. Wie groß der Bedarf an Investitionen ist, zeigt eine aktuelle Studie von Allianz Research. Deutschland hat demnach seit 2019 eine Investitionslücke von bis zu 730 Milliarden Euro im Vergleich zu den USA aufgebaut. Im Rest der Eurozone legten Investitionen dagegen um 6,7 Prozent und in den USA sogar um 20,2 Prozent zu. Öffentliche Ausgaben könnten diese Lücke nicht schließen, heißt es in dem Papier. Entscheidend sei die Mobilisierung von privatem Kapital.
Eine aktuelle Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) warnt: 92 Prozent der Betriebe sehen grundlegenden Investitionsbedarf - etwa in Digitalisierung, Infrastruktur und moderne Anlagen. Vor allem größere Mittelständler mit einer Personalstärke von mindestens 50 Beschäftigten halten sich zurück. Als Hauptgründe werden immer wieder hohe Energiekosten, zu viel Bürokratie und hohe Steuer- und Abgabenlasten genannt.
"Misstrauensvotum für den Standort"
Mit Blick auf die Investitionen in Deutschland in den vergangenen Jahren zieht der Wirtschaftsexperte Daniel Stelter eine düstere Bilanz: "Seit über 20 Jahren sind die Unternehmen in Deutschland Nettosparer. Sie investieren weniger als ihre Gewinne. Das ist ein dramatisches Misstrauensvotum für den Standort, oder wie ich sagen würde, ein Investitionsstreik", so Stelter.
Er bezieht sich auf eine weitere Studie von der Unternehmensberatung McKinsey, wonach die Nettoinvestitionen in Deutschland auf null Prozent vom Bruttoinlandsprodukt gefallen sind. Üblich sind Werte von zwei bis vier Prozent.
"Die Folge: Der Kapitalstock der Wirtschaft, also die Produktionsmittel der Volkswirtschaft, verfällt. Damit wird es weniger Produktivitätsfortschritt geben, doch den bräuchten wir dringend angesichts demografischer Entwicklung und Verteilungskonflikten." Von dem Berliner Gipfel hält Stelter nichts: "Wer attraktiv für Investitionen sein will, soll sich auf die Rahmenbedingungen konzentrieren von denen vor allem jene profitieren, die schon da sind. Die internationalen Investoren kommen dann von allein."
Resthoffnung in Alzey
In Alzey hat Bürgermeister Jung die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben, dass der Pharmakonzern Eli Lilly seine ursprünglich geplanten Investitionen langfristig doch noch tätigt.
"Die Baumaßnahme von Lilly wird ja derzeit im Ganzen doch umgesetzt. Die Infrastruktur ist dann vorhanden. Verbessern sich dann in Zukunft auch die allgemeinen Rahmenbedingungen, kann das Werk hochgefahren werden und so auch noch die Arbeitsplätze in voller Zahl entstehen."
