Messe SPIEL in Essen Brettspiele - ein Gewinn für die Demokratie
Stand: 24.10.2026 • 05:55 Uhr
Brettspiele sind längst mehr als Zeitvertreib. Sie können etwa Demokratiefähigkeit, soziale Kompetenz und sogar psychische Stabilität fördern, sagen Experten. Sie fordern deshalb, Brettspiele kultur- und bildungspolitisch ernster zu nehmen.
Von Barbara Geschwinde, WDR
Die ganze Spiele-Welt kennt die Stadt Essen im Ruhrgebiet. Jahr für Jahr pilgern Spielbegeisterte zur weltgrößten Brettspiel-Messe, die in diesem Jahr erstmals alle acht Hallen füllt. 921 Aussteller aus 53 Ländern stellen in Essen ihre Neuerscheinungen vor.
Wer heute spielt, ist längst kein Kind mehr: Das Durchschnittsalter liegt bei 37 Jahren. Der Spielwissenschaftler Jens Junge beobachtet seit rund 30 Jahren eine erwachsene Spielszene, die stetig wächst. Brettspiele seien "ein normales Medium geworden, so wie Bücher lesen oder Fernsehen gucken“ und für viele ein analoger Gegenpol zur digitalen Dauerbespielung.
Ein Teil spielt nur gelegentlich für einen geselligen Abend. Andere werden zu Vielspielerinnen und Vielspielern, treffen sich mehrmals pro Woche und bauen große Sammlungen auf. Sie suchen komplexe Spiele mit wenig Zufall, in denen sich Strategien verfeinern lassen: Wer beherrscht das System, wer durchdringt die Komplexität?
Kooperative Spiele: gemeinsam Probleme lösen
Besonders gefragt sind kooperative Spiele. Gruppen treten gemeinsam gegen Herausforderungen wie Pandemien, Umweltprobleme oder abstrakte "Big Boss"-Konflikte an. "Menschen haben das Bedürfnis, im Spiel durchzuspielen, wie sich gemeinsam Probleme lösen lassen", sagt Experte Junge. Mechaniken aus kooperativen Rätselspielen wurden auf viele Themen übertragen.
Auf der Messe SPIEL Essen testen über 230.000 Besucherinnen und Besucher Neuheiten direkt am Tisch. Geschäftsführerin Carol Rapp nennt Spiele "Brückenbauer über Sprachbarrieren hinweg".
Was Spielen mit Menschen macht
Im Spiel zeigten Menschen oft Seiten, die im Alltag verborgen bleiben: Ehrgeiz, Fairness, Humor oder die Neigung zu schummeln. Junge nennt Platon, der schon sagte, dass man den Charakter eines Menschen besser im Spiel als im Gespräch erkenne. Persönlichkeitseigenschaften träten hier "viel schneller und viel besser zu Tage", so Junge. Brettspiele trainierten außerdem Strategiefähigkeit und Emotionsregulation: Niederlagen müssen verkraftet werden und man spielt trotzdem weiter.
Gleichzeitig würden kognitive, soziale und kulturelle Kompetenzen geschult: Teamfähigkeit in kooperativen Spielen, Perspektivwechsel in Konfliktspielen, kulturelle Integration in Spielgruppen.
In Kirchengemeinden oder Vereinen dienen Spiele als "Meta-Sprache", sagt Junge. Menschen unterschiedlicher Herkunft sitzen am gleichen Tisch und reden miteinander, oft besser als in politischen Diskussionen. Der Lehrer Markus Zimmermann hat mit seiner Initiative "Schule und Spiel" und einer "Brettspielklasse" in Hamburg schwer erreichbare Kinder wieder an Ausbildung und Alltag herangeführt.
Kinderkram? Von wegen. Das Durchnittsalter bei Brettspielenden liegt bei 37 Jahren.
Demokratie, Konflikte und politische Relevanz
Spiele greifen gesellschaftliche Konflikte auf. In Kartenspielen wie "Dindex" tritt Demokratie gegen Oligarchen an. So werden Machtverhältnisse humorvoll auf den Kopf gestellt. Wer spielt, erfährt Vielfalt und unterschiedliche Perspektiven. Das ist ein wichtiger Baustein demokratischer Bildung. Trotzdem gelten Brettspiele kulturpolitisch oft nur als Wegwerfprodukte, meint Spieleexperte Junge. Er fordert, "dass der Kulturstaatsminister in der Überarbeitung der Gesetzgebung zur Deutschen Nationalbibliothek endlich, endlich Spiele als Medienwerke anerkennt", wie Bücher und Filme.
Die Brettspiel-Szene bleibt politisch weitgehend unbeachtet. Zur Gamescom in Köln, bei der sich international rund 370.000 Menschen treffen, kommen regelmäßig Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker, Fördergelder fließen. Zur SPIEL Essen, zu der ebenfalls Menschen aus aller Welt anreisen, "lässt sich aber kein Politiker blicken", sagt Jens Junge. Dabei erzeugten Brettspiele vor allem "mit so wenig Geld so eine tolle soziale Rendite", so der Spieleforscher weiter. Sie stärkten Gemeinschaft, Demokratiefähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung, alles Effekte, die sich nicht direkt in Umsatzzahlen messen lassen.
Analog statt Bildschirm: Warum echte Menschen wichtig sind
Während der Corona-Pandemie erlebte das analoge Spielen einen Boom. "Menschen mussten sich beschäftigen, ohne nach draußen gehen zu können", sagt Carol Rapp. Gesucht wurden Dinge, "die verbinden, die soziale und emotionale Stabilität gegeben haben". Spiele konnten das. Viele spielen auch heute lieber mit Freundinnen und Freunden am Tisch, statt zu digitalen Games zu greifen.
Vereine und Spieletreffs: Wie der Einstieg gelingt
Wer den Weg aus Monopoly-Abenden in die vielfältige Brettspielwelt finden möchte, kann Brettspielcafés, Spieletreffs oder Häuser wie beispielsweise das Unperfekthaus in Essen nutzen. Dort erklären Erfahrene neue Spiele und erleichtern den Einstieg. Ein anderes Beispiel ist der Verein Brettspielverrückte Krefeld e.V.. Mitbegründerin und Vorsitzende Marijana Sipus, wollte einen Raum schaffen, "wo Menschen zueinander finden können", unabhängig von Alter oder Spielerfahrung.
Ein unterschätztes Medium - auch gegen die Einsamkeit
Im Verein in Krefeld sitzen Studierende neben Ruheständlerinnen, Menschen unter 20 spielen mit einer 88-jährigen Mitspielerin, Freundschaften entstehen über den Spieltisch hinaus. Für die Vorsitzende Sipus persönlich haben komplexe Expertenspiele viel bewirkt: Weil dort wenige Züge gut geplant werden müssen und Glück minimiert ist, habe sie gelernt, sich mehr zuzutrauen und strategisch zu denken. Analoges Spielen wirkt gegen Einsamkeit und bringt Menschen wieder in echten Kontakt.
Spieleforscher fordern deshalb, Brettspiele kultur- und bildungspolitisch ernster zu nehmen. Sie sind längst mehr als Zeitvertreib: Ein Medium, das Demokratiefähigkeit, soziale Kompetenz und psychische Stabilität fördern kann und zeigt, dass gemeinsame Zeit am Tisch für viele die attraktivere Alternative zu Bildschirm und Feed geworden ist.
