Die Wahlbeteiligung in Serbien scheint sehr hoch zu sein. Laut dem unabhängigen Wahlbeobachtungsinstitut CRTA hatten bis 13 Uhr rund 41 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihre Stimme abgegeben. Bei der letzten Parlamentswahl waren es zu diesem Zeitpunkt nur 26 Prozent.
Das könnte darauf hindeuten, dass die Mobilisierung der Studentenprotestbewegung groß ist. Sie treten mit einer unabhängigen Liste von 250 Expertinnen und Experten an. Auf der Liste sind Professoren, Vertreter verschiedener Berufe und der Zivilgesellschaft.
Vor den Wahllokalen in der Innenstadt der Hauptstadt Belgrad waren überwiegend Wähler der studentischen Liste anzutreffen. Eine Rentnerin ist davon überzeugt dass eine Abwahl von Vucic klappen könnte: "Ich erwarte Veränderungen, drastische Veränderungen. Die vielen Menschen, die hier heute zur Wahl gehen, sind offenbar dem Aufruf der Studierenden gefolgt, möglichst früh ihre Stimme abzugeben".
Und ein junger Mann sagt: "Wir erwarten, dass wir etwas verändern können. Es geht so nicht weiter. Dieses Mal haben wir genügend Wahlbeobachter, sodass jeder Wahlbetrug aufgedeckt werden kann. Dass jetzt so viele zur Wahl gehen, zeigt, dass es nicht mehr so viele Unentschlossene gibt. Es gibt jetzt jemanden, den man wählen kann. Früher sind weniger Leute zur Wahl gegangen. Es gab vonseiten der Regierung eine absichtlich geschaffene Apathie."
Vucic-Wähler setzen auf Stabilität
Doch es gibt auch überzeugte Vucic-Wähler: "Ich erwarte Frieden und Stabilität. Im Land geht es voran und es soll so weitergehen. Das geht nur mit dem bisherigen Präsidenten Aleksandar Vucic, wenn er Premierminister wird. Ich erinnere mich noch an die frühen 2000er-Jahre, da habe ich dreimal meinen Job verloren. Und was die Probleme in Bezug auf den EU-Beitritt angeht, sei gesagt, die EU will Serbien nicht. Es liegt nicht an uns."
Bei früheren Wahlen in Serbien gab es immer massive Vorwürfe von Manipulation und Betrug. Dieses Mal durften die Studenten in jedes Wahllokal Wahlbeobachter entsenden. Es wird also genauer hingeschaut. Der Jurastudent Mihailo Dedijer ist einer der Wahlbeobachter der studentischen Liste in der Grundschule Skadarlija in der Innenstadt von Belgrad.
Er erzählt von Unregelmäßigkeiten in seinem Wahllokal: "Der Vorsitzende hat die Polizei verständigt, denn wir hatten hier Wähler, die ihre Stimmzettel abfotografiert haben. Es kamen dann die Wahlbeobachter von Vucics SNS Partei. Sie haben uns erzählt, dass das Abfotografieren in Ordnung sei. Wir von der studentischen Liste sehen das aber anders. Denn das ist ein Verstoß gegen das Wahlgeheimnis. Die Polizei hat allerdings nicht reagiert. Sie haben gesagt, sie hätten damit nichts zu tun."
Laut dem unabhängigen Wahlbeobachtungsinstitut CRTA wurde so ein Abfotografieren von Wahlzetteln schon bis zum Mittag in jedem vierten Wahllokal gemeldet. Aus der Vergangenheit wisse man, dass vor allem Beschäftigte im öffentlichen Dienst stark von Vucic SNS-Partei abhängig seien und dass sie gezwungen würden, die SNS zu wählen und das per Foto zu beweisen.
Unklares Szenario zum Wahlende
Der serbische Langzeitmachthaber Vucic betonte nach seiner Stimmabgabe, dass alles sauber demokratisch ablaufen würde: "Ich glaube daran, dass sich heute Abend der demokratische Wille der Bürger zeigen wird und wie ich immer gesagt habe, man kann Wahlen gewinnen und verlieren. Wir werden uns verantwortungsvoll zeigen. Wenn wir die Wahlen verlieren, erkennen wir das an. Und wenn wir gewinnen, dann wird uns keiner den Sieg wegnehmen."
Die Wahllokale schließen um 20 Uhr. Welches Szenario danach entstehen wird, ist unklar. Die Studenten gehen bei der hohen Wahlbeteiligung von einem klaren Sieg aus. Wenn ein anderes Ergebnis veröffentlicht wird, dann könnte es zu größeren Protesten kommen.
