Anti-Feminismus im Wahlkampf Wie Brasiliens Neue Rechte Frauen für sich gewinnt
Stand: 18.10.2026 • 01:54 Uhr
Frauen könnten bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien entscheidend sein. Lange konnte die Linke auf ihre Unterstützung zählen. Doch nun erzielen Frauen in Brasiliens Neuer Rechten Rekordergebnisse - auch mit Hetze gegen Feminismus.
Ihre Auftritte sind rar, selbst im Wahlkampf. Doch an diesem Samstag steht Michelle Bolsonaro im rosa T-Shirt auf dem Deck eines Lkw und winkt in die von einfachen Häusern gesäumten Straßen von Ceilândia, der größten Satellitenstadt in der Peripherie von Brasília. "Möge Gott unseren Tag segnen, möge er diesen Weg segnen und uns vor allem Übel bewahren. Möge er auch unsere Häuser behüten, und meinen 'Galego'."
Seinetwegen hat sie so wenig Zeit: wegen ihres "Galegos" (übersetzt ihres "Galiziers") - so nennt sie ihren 27 Jahre älteren Ehemann, Brasiliens Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Wegen eines Putschversuch nach seiner Wahlniederlage 2022 gegen den linken amtierenden Staatschef Lula da Silva verbüßt er eine 27-jährige Haftstrafe im Hausarrest. Die Ex-First-Lady Michelle pflegt ihn. Aber sie kandidierte auch für den Senat.
"Wir haben stets betont, dass wir Politik mit Weiblichkeit gestalten wollen, nicht mit Feminismus. Denn die feminine Frau bringt ihren besonderen Blickwinkel in die Politik ein, kümmert sich aber gleichzeitig um Haushalt und Kinder", so Michelle. Anfang Oktober erzielte sie ein Rekordergebnis in der Hauptstadt und wurde in den Senat gewählt.
So viele weibliche Abgeordnete wie nie
Es war eine Wahl, in der Frauen so viele Mandate holten, wie noch nie zuvor: Ab 2027 stellen sie rund 21 Prozent der Abgeordnetenkammer und rund 22 Prozent im Senat. Immer noch sind sie damit unterrepräsentiert. Neu ist aber: ein beträchtlicher Teil der neuen Abgeordneten stammt aus dem Umfeld der extremen Rechten um Bolsonaro. Und genau dabei habe Michelle Bolsonaro eine zentrale Rolle gespielt, erklärt die Soziologin Christina Vital da Cunha, die Co-Autorin eines gerade veröffentlichten Buches zum Thema "Frauen und die extreme Rechte in Brasilien" ist.
Nachdem ihr Mann die Wahl verloren hatte, übernahm Michelle Bolsonaro 2023 die "PL Mulher", die Frauenvereinigung der Partido Liberal des Ex-Präsidenten. Michelle habe erkannt, "dass es eine wachsende Bewegung konservativer Frauen gibt, die aber mit der Agenda der extremen Rechten, die ja von Männern geprägt ist, wenig anfangen können: Waffen, öffentliche Sicherheit, Law-and-Order", so Vital. Dann habe sie Themen eingebracht, die für alle Frauen von großem Interesse seien: Maßnahmen, die auf die Gesundheit von Frauen und die Fürsorge für die Familie ausgerichtet sind.
Familienpolitik als Schlüsselthema
Michelle Bolsonaro präsentiert sich tiefreligiös, erfolgreich und fürsorglich. Sie singt und betet in Gottesdiensten, postet Bilder von selbstgebackenem Bananenkuchen, engagiert sich für Kinder mit Behinderung. Laut Medienberichten konnte sie mehr als 70.000 neue weibliche Mitglieder für die PL, die Partei der Bolsonaros, mobilisieren.
Auch Liz de Souza wird Bolsonaro wählen. Die 42-Jährige lebt mit ihrem Mann und sechs Kindern in einem Vorort von Brasília. Gott habe Mann und Frau unterschiedliche Rollen gegeben, sagt sie. "Ich glaube, dass die Frau diejenige sein sollte, die näher bei den Kindern und näher am Haus ist, weil wir von Natur aus so sind, dass wir uns kümmern, weil wir umsorgen wollen."
Ihr sei es wichtig, dass diese Werte auch in die Politik getragen würden. Die Familie sei schließlich das Fundament der Gesellschaft und diese Werte seien unter Lulas Regierung verloren gegangen. Was ihr besonders Sorgen macht ist das Thema Abtreibung - für Liz absolut inakzeptabel. "Der Feminismus, so wie wir ihn vom linken Diskurs kennen, ist gefährlich, weil er versucht, das Verhalten der Frau zu vermännlichen. Das finde ich nicht richtig."
"Antifeminismus sorgt für Clicks"
Im rechten Kulturkampf ist Feminismus schon lang zum Feindbild geworden - darauf stützen sich nun auch die Frauen im Wahlkampf, sagt Christina Vital. Es gehe dabei um Abgrenzung. "Sie propagieren ein bestimmtes Bild des Weiblichen im Gegensatz zum Klischee der Feministin, die nicht auf ihr Äußeres achtet, wütend auftritt, mit Achselhaaren und ohne Ehemann."
Und genau diesem Bild setzten sie das Idealbild konservativer Frauen entgegen, so Vital: "tugendhaft, mit Familie, schön und gepflegt." Dabei gebe es eine neue Generation, die das auch mit Vehemenz in die Sozialen Netzwerke trage. "Denn Antifeminismus verkauft sich, er provoziert und sorgt für Klicks."
Mit Dirndl und Social Media gegen den Feminismus
Júlia Zanatta, Abgeordnete aus dem südbrasilianischen Bundestaat Santa Catarina zum Beispiel, die mit Peitsche, Blumenschmuck und Dirndl auftritt und sagt: "Die Bibel sagt, dass die Frau unterwürfig sein muss."
Oder die 23-jährige Influencerin und Stadträtin Eduarda Campopiano, die sich in ihren Netzwerken "größte Feindin der Feministinnen" nennt und nun ins Regionalparlament das Bundesstaates São Paulo gewählt wurde. "Jeder Mann muss das Recht haben, mich - wenn er das möchte - zurück in die Küche zu schicken."
Während die traditionell mit der Linken verbundene feministische Bewegung im Land seit Jahren gegen grassierende Femizide und strukturellen Machismus ankämpft, besetzen Politikerinnen mit einem Diskurs Schlüsselpositionen, der sich gegen Errungenschaften der Frauenbewegung wendet, von denen die Politikerinnen selbst profitierten. So kritisierte es etwa die Bundesabgeordnete und Feministin Sâmia Bomfim der linken PSOL Partei (Partei für Sozialismus und Freiheit)
Rückschritt für bestehende Frauenrechte?
Was bedeutet der Rechtsruck der Frauen-Fraktion im brasilianischen Kongress abseits der Netzwerke für Frauenrechte im Land? "Michelle verfolgt eine Agenda, die Familien- und Gesundheitsthemen größere Aufmerksamkeit geben könnte", sagt die Soziologin Vital. "Aber ich denke auch, dass wir gerade beim zentralen Thema Abtreibung, die in Brasilien ja auch bisher nur in Ausnahmefällen erlaubt ist, Rückschritte erleben können, auch bei den bereits bestehenden, verfassungsrechtlich verankerten Garantien."
Genau darauf hofft Liz de Souza. Die streng gläubige Mutter von sechs Kindern fühlt sich von Politikerinnen wie Michelle vertreten. "Die Linke war in Brasilien immer sichtbarer. Die Rechte geriet in die Defensive, jetzt reden wir mehr."
Frauen sind die größte Wählergruppe In Brasilien. Wer sie für sich gewinnt, der kann die Wahl gewinnen. Zuletzt haben sie mehrheitlich Lula gewählt, das das beginnt sich, zu ändern.
