Blick auf die Parlamentswahl Junge Israelis zwischen Trauma und Zukunftssorge
Stand: 23.10.2026 • 11:33 Uhr
Der Terrorangriff der Hamas vor gut drei Jahren hat auch bei den jungen Wählern Israels tiefe Spuren hinterlassen. Sicherheit, Identität und die Sorge vor dem nächsten Krieg beeinflussen ihre Wahlentscheidung.
Israel hat eine im internationalen Vergleich relativ junge Bevölkerung, und deshalb sind junge Wählerinnen und Wähler bei der Parlamentswahl am 27. Oktober wichtig. Etwa 640.000 junge Israelis wählen dann zum ersten Mal - umgerechnet entscheiden ihre Stimmen über zwölf von 120 Mandaten im Parlament.
Tammy Hoffman vom Israel Democracy Institute hat gerade eine Studie über die Erstwähler veröffentlicht und sagt, viele Jahre lang habe es die Annahme gegeben, dass junge Leute wie ihre Eltern wählen.
Das sei nicht mehr der Fall, so Hoffman. Insgesamt, das belegen mehrere Studien, gab es in den vergangenen Jahren einen Rechtsruck unter jungen Israelis. Weil die Erstwählerinnen und Erstwähler fast zehn Prozent der Wählerschaft insgesamt stellten, werde es einen Effekt haben, ob sie zur Wahl gehen und welche Partei sie wählen.
Selbstbewusstsein der jungen Wähler
Es scheint so, als seien sich die Jungen dessen auch bewusst. Mehr als 60 Prozent wollen der Studie von Hoffman zufolge zur Wahl gehen. Etwa 80 Prozent glauben, dass die Wahl wichtig ist. Das geht quer durch alle Bevölkerungsgruppen und Schichten.
Tala Mansour beispielsweise bezeichnet sich selbst als Palästinenserin, die in Israel lebt. Sie hat gerade die Schule beendet, und wie alle anderen aus Ihrer Generation haben sie die Krisen der vergangenen Jahre geprägt. "Es ist ja nicht so, dass der Krieg aus dem Nichts am 7. Oktober begonnen hat. Alles, was nach dem 7. Oktober passiert ist, hat unser Bewusstsein geschärft und noch mehr unsere Augen geöffnet für die Wirklichkeit, in der wir so lange schon leben."
Nach dem 7. Oktober 2023, dem Terrorüberfall der Hamas aus dem Gazastreifen, habe ihre Generation noch klarer gesehen, wie schlecht die Lage sei, wie die Dinge immer schlimmer geworden seien, sagt die junge Frau, die etwas nördlich von Tel Aviv lebt.
Das alles habe sie betroffen, aber es habe nicht grundsätzlich die Art verändert, wie sie auf Politik schaue. So sehen es viele nicht-jüdische Israelis.
Erst Covid, dann Krieg
Einav Donag lebt in Nofit, einer Gemeinde im Norden Israels. Auch er ist gerade fertig mit der Schule - auch bei ihm hat sich in den vergangenen Jahren etwas verändert. Seit der Grundschulzeit sei für ihn kein Schuljahr normal gewesen, sagt der 18-Jährige, der in einer jüdischen Familie aufgewachsen ist.
Erst kam Covid, dann der 7. Oktober und die Kriege danach. Er sagt von sich, dass er früher politisch eher links gestanden habe - jetzt bezeichnet er seine Haltung als "mitte-rechts". Im November beginnt er seinen Militärdienst, ganz bewusst hat er sich für eine Kampfeinheit gemeldet.
Er sagt, er glaube, dass es Raum für Frieden und einen Weg gebe, wie jüdische Israelis in Frieden mit Palästinensern leben könnten, aber er wendet auch ein: "Ich denke, in unserer jetzigen Lage ist das nicht unbedingt möglich. Und so haben sich meine Ideen, wie wir verhandeln und mit den Palästinensern umgehen sollten, verändert. Meine Meinung hat sich mehr in Richtung rechts verändert."
Posttrauma untergräbt alte Überzeugungen
Tammy Hoffman vom Israel Democracy Institute kann mit Zahlen belegen, was sich in der Generation der Erstwähler verändert hat. Sie möchte nicht von einer verlorenen Generation sprechen, aber der große Einfluss der vergangenen drei Jahre auf die jungen Israelis werde noch nicht vollständig begriffen und sei deshalb auch nur schwer erforschbar.
Aber es gebe ein Posttrauma, und der 7. Oktober habe grundlegende Überzeugungen untergraben, über den Staat Israel, über dessen Stärke und die Rolle des Militärs.
"Wir leben in einem Chaos"
Tala Mansour hat noch ein ganz anderes Problem: Sie fühlt sich als junge Palästinenserin von der israelischen Politik nicht repräsentiert. Sie habe in letzter Zeit Rassismus und Ressentiments erlebt, sagt sie. Trotzdem wolle sie wählen gehen, auch wenn sie das Gefühl habe, dass sich die Dinge nur schwer veränderten: "Wir leben in einem Chaos, aus dem wir nur schwer wieder herauskommen. Aber gleichzeitig ermutige ich alle, wählen zu gehen, auch wenn sie nicht optimistisch sind oder glauben, dass sich etwas ändert. Es gibt eine Chance."
Die jungen Israels sind eine wichtige Stimme bei der Parlamentswahl. Ob ihre Stimme danach auch gehört wird und ob die Jungen von einer neuen Regierung auch repräsentiert werden, steht auf einem anderen Blatt.
Parlamentswahl in Israel
Israel wählt am 27. Oktober 2026 ein neues Parlament, die Knesset. Die Wahl findet vor dem Hintergrund der Folgen des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023, der Kriege im Nahen Osten und des Korruptionsprozesses gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu statt.
Zentrale Themen sind die Außen- und Sicherheitspolitik, Verantwortlichkeiten für Fehler bei der Abwehr des Hamas-Angriffs, der Militärdienst für ultraorthodoxe Männer und hohe Lebenshaltungskosten.
Als wichtigster Herausforderer Netanjahus und seiner rechts-religiösen Koalition unter Führung der Likud-Partei gilt Israels Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot. Mit seiner Partei Jaschar tritt er unter anderem für eine Stärkung des Rechtsstaates ein und vertritt in Sicherheitsfragen einen harten Kurs, insbesondere gegenüber der Hamas.
