Mit Solana Alpenglow erhält die Blockchain am 21. Oktober ein neues Konsensprotokoll auf der Mainnet-Beta. Die Finalität soll somit von rund 12.8 Sekunden auf rund 150 Millisekunden fallen, ein Zielwert, den das Hauptnetz erst noch belegen muss.
Solana ist eine Layer-1-Blockchain, auf der Validatoren Blöcke produzieren und per Abstimmung bestätigen. Das Konsensprotokoll legt fest, ab wann eine Transaktion als unumkehrbar gilt. Bisher übernimmt diese Aufgabe ein Verfahren namens TowerBFT. Seine Premiere hatte Alpenglow im Mai 2025 an der Konferenz Solana Accelerate. Das Konzept entstand unter der Leitung von Roger Wattenhofer von der ETH Zürich. Ebenfalls beteiligt waren seine früheren Doktoranden Kobi Sliwinski und Quentin Kniep, die heute beim Solana-Entwickler Anza arbeiten. Im September 2025 stimmten die Validatoren dem Vorschlag SIMD-0326 schliesslich mit 98.27% der abgegebenen Stimmen zu. Zunächst ersetzt die Komponente Votor das bisherige TowerBFT. Gemessen am heutigen Wert entspricht das 150-ms-Ziel einer rund 85-fach schnelleren Finalität. Die 150 Millisekunden betreffen jedoch die Zeit bis zur Finalität, nicht die Blockzeit. Transaktionsausführung, die Solana Virtual Machine (SVM) und die Gebühren bleiben unverändert.
Votor ersetzt TowerBFT beim Abstimmen der Validatoren
Unter TowerBFT laufen die Stimmen der Validatoren als gewöhnliche Transaktionen über die Blockchain. Genau hier setzt Votor an. Die Validatoren tauschen ihre Stimmen künftig direkt untereinander aus und bündeln sie zu BLS-Zertifikaten. Ein Zertifikat fasst somit die Zustimmung vieler Validatoren in einem Datensatz zusammen. Folglich erscheinen Votes nicht mehr als On-Chain-Transaktionen im Block. Die Beschleunigung stammt daher aus dem neuen Abstimmungsverfahren, nicht aus schnelleren Blöcken.
Votor kennt zwei Wege zur Finalität. Zertifizieren mindestens 80% des Stakes einen Block bereits in der ersten Runde, ist er nach dieser Runde final. Dieser schnelle Pfad soll rund 100 Millisekunden dauern. Bis zu einem Fünftel des Stakes darf dabei ausbleiben, ohne den schnellen Weg zu blockieren. Liegt die Zustimmung in Runde 1 hingegen zwischen 60 und 80%, greift der langsamere Pfad mit rund 150 Millisekunden.
Solana selbst bezeichnet die 150 Millisekunden auf der offiziellen Upgrade-Seite allerdings als Erwartung, nicht als Konstante. Ausserdem gehört die Halbierung der Slotzeit von 400 auf 200 Millisekunden nicht zu Alpenglow. Diese separate Änderung schloss das Netzwerk bereits zuvor in vier Stufen bis Oktober 2026 ab. Für Börsen, Market Maker und Zahlungsanbieter ist die Finalität die massgebliche Grösse, weil sie bestimmt, wann eine Transaktion als abgeschlossen gilt. Gute Werte aus Testumgebungen ersetzen deshalb keinen Nachweis unter realer Mainnet-Last.
Die Alpenglow-Migration in Epoche 1064 verlangt hohe Koordination
Der Wechsel beginnt mit dem Start von Epoche 1064 am 21. Oktober, wenn ein Feature Gate die neue Logik freischaltet. Zunächst produziert TowerBFT noch weitere 5'000 Slots, was rund 18 Minuten entspricht. Bei Slot 459'653'000 übernimmt Alpenglow. In dieser Übergangsphase nimmt das Netzwerk kurzzeitig keine Nutzertransaktionen in Blöcke auf. Votor startet allerdings erst, wenn Validatoren mit mindestens 82% des Stakes ein Genesis-Zertifikat signiert haben. Es handelt sich folglich um einen einmaligen, koordinierten Eingriff im laufenden Netz.
Heikel ist die Frage der Validator-Clients. Die Migration schliesst die alternativen Clients Firedancer und Frankendancer vorerst aus. Deren Betreiber müssen daher vor Epoche 1064 vorübergehend auf Software auf Basis von Agave 4.3 umsteigen, etwa Agave selbst, Jito-Solana oder Harmonic Salsa. Solana nennt dafür Version 4.3.2. Jeder Validator, der nicht rechtzeitig umstellt, fehlt zudem beim Genesis-Zertifikat. Je mehr Stake den Wechsel verpasst, desto knapper wird die Reserve über der 82%-Schwelle.
Der Weg zur Aktivierung verlief dennoch in geordneten Etappen. Seit Juli 2026 laufen auf dem Mainnet bereits zwei Vorstufen, die Verwaltung von BLS-Schlüsseln im Vote Account (SIMD-0387) und das Validator Admission Ticket (SIMD-0357). Ferner startete Anza im Mai 2026 einen Community-Testcluster. Im September folgten das öffentliche Testnet und einen Tag später das Devnet. Mitte Oktober gab das Entwicklerteam schliesslich den Mainnet-Termin bekannt.
Validatoren zahlen 0.8 SOL pro Epoche statt Vote-Gebühren
Mit den Vote-Transaktionen entfallen auch deren Gebühren. An ihre Stelle tritt das Validator Admission Ticket (VAT), dessen technische Grundlage seit Juli 2026 auf dem Mainnet liegt. Pro Epoche kostet es 0.8 SOL, die das Netzwerk verbrennt und damit dem Umlauf entzieht. Zudem muss die Balance des Vote Accounts mindestens 0.8 SOL über dem Rent-Exempt-Minimum liegen. Erstmals fällig ist die Gebühr beim Start von Epoche 1064, und zwar für Epoche 1065. Wer nicht zahlt, darf in der Folgeepoche weder abstimmen noch Blöcke produzieren.
Für die Betreiber verschiebt sich damit die Kostenstruktur. Bisher kostete jede einzelne Stimme eine On-Chain-Transaktion und damit laufend Gebühren. Diese Kosten fielen pro Validator weitgehend unabhängig vom Stake an. Liegt der neue Fixbetrag tiefer als die bisherigen Vote-Gebühren, profitieren vor allem kleinere Validatoren. Bei ihnen wiegen solche Fixkosten im Verhältnis zum Stake vergleichsweise schwer.
Was dabei untergeht, ist ein statistischer Nebeneffekt. Die Vote-Transaktionen flossen bislang in die ausgewiesene Zahl der Transaktionen pro Sekunde (TPS) ein. Nach dem Upgrade kann diese TPS-Zahl deshalb sinken. Das ist also ein Zähleffekt, kein Netzwerkproblem.
Weniger Byzantine-Toleranz, offene Fragen zu Latenz und MEV
Auch das Sicherheitsmodell ändert sich. TowerBFT verkraftet bis zu 33% byzantinischen, das heisst böswillig agierenden Stake. Votor senkt diese reine Byzantine-Toleranz auf 20%. Gleichzeitig hält das Protokoll zusätzlich 20% Stake aus, der offline ist. Daraus ergibt sich das sogenannte 20+20-Modell. Die Toleranz gegenüber Störungen insgesamt steigt damit, jene gegenüber aktiven Angriffen sinkt hingegen.
Aus der Branche kommen ausserdem konkrete Einwände. Das Blockchain-Projekt Sei sieht Zentralisierungsdruck, weil ein Signal über den Atlantik hin und zurück rund 80 bis 100 Millisekunden braucht. Allein diese Strecke entspricht mehr als der Hälfte des Zielwerts. Der Infrastrukturanbieter Helius nennt offene Fragen zu Multiple Concurrent Leaders und zu MEV beim Off-Chain-Voting. Ungeklärt sind ferner die Strafen für Equivocation, also das Versenden widersprüchlicher Blöcke oder Stimmen für denselben Slot.
Einige Bausteine fehlen in dieser Aktivierung jedoch noch. Rotor, das die Datenverteilung Turbine ersetzen soll, gehört erst zur zweiten Phase und hat noch keinen Termin. Später soll Agave 4.4 einen Fast Leader Handoff bringen, den Anza in weniger als 1% der Slots erwartet. Ob Votor die 150 Millisekunden im Alltag erreicht, zeigen letztlich erst die Messdaten nach Epoche 1064.
