Die "Geburtsurkunde" der Kapitalrente ist Empfehlung 28 der Alterssicherungskommission: "Die Kommission empfiehlt die Einführung einer obligatorischen kapitalgedeckten Rentenkomponente im Rahmen der GRV (gesetzliche Kapitalrente)".
Was das bringt? Der CDU-Politiker Pascal Reddig beschreibt in seinem Bundestagsbüro einen fiktiven Muster-Berufseinsteiger. Der ist Anfang 20 und gesetzlich rentenversichert. "Wenn der zwei Beitragssatzpunkte in so eine Kapitalrente zahlt, dann kann er im Alter - auf den heutigen Euro gerechnet - über 770 zusätzliche Euro Rente herausbekommen."
Gut für den erfundenen Berufseinsteiger - vor allem, wenn er nicht mit einem Spitzeneinkommen loslegt und privat viel für das Alter zur Seite legen kann. Oder wie es die Rentenkommission diskutierte: "Wie können wir das Dilemma, dass die Beitragssätze immer weiter steigen und das Rentenniveau in Deutschland sinkt, wieder umkehren? Und da ist der einzige Weg, der sich bietet, wenn wir es irgendwie finanzieren wollen, dass wir stärker auf kapitalgedeckte Altersvorsorge setzen."
Zwei Anlage-Optionen
Der Plan: Ab 2028 steigt der Rentenbeitrag an. Halbwegs schonend in mehreren jährlichen 0,5%-Schritten, bis die geplanten zwei Prozentpunkte erreicht sind. Dieser Zusatzbeitrag geht Monat für Monat auf ein Extrakonto bei der gesetzlichen Rentenversicherung. Diese Einnahmen werden dann am Kapitalmarkt angelegt, kontrolliert, zertifiziert, ohne politischen Einfluss und - wichtig - mit effektiven Kosten von maximal 0,1 Prozent pro Jahr.
Dabei kann jeder einzelne zwischen zwei Optionen wählen, schlägt die Rentenkommission vor: entweder ein "öffentlicher, international wettbewerbsfähiger Fonds, wie z. B. der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung - KENFO.
Wer nicht in einen solchen öffentlichen Fonds einzahlen will, soll zwischen einer begrenzten Auswahl von speziell zugelassenen Anlagefonds wählen können. In beiden Fällen sollen zusätzliche Erträge erwirtschaftet werden, die das Rentensystem unabhängiger machen von der demografischen Entwicklung.
"Der Kern" der Rentenreform?
Wie viel Geld dafür in Aktien und Aktienfonds überwiesen wird, weiß die Berliner Bundestagsabgeordnete Annika Klose, sie saß für die SPD in der Alterssicherungskommission: "Wenn man jetzt die vollen zwei Beitragssatzpunkte hat, dann spricht man von Größenordnungen von grob gerechnet über 35 Milliarden Euro jährlich." Immer zusätzlich zu den klassischen Einnahmen der gesetzlichen Rente, das sind derzeit gut 420 Milliarden pro Jahr.
Die mit der Rentenreform geplante Ergänzung ist für Annika Klose keine freischwebende Idee, die kommen könnte: "Ich halte die neue Kapitalsäule für den Kern."
Internationale Vorbilder
Wenn es denn klappt, für gesetzlich versicherte Rentner eine ähnliche Rendite zu erwirtschaften wie die Vorbilder in Norwegen oder Schweden: Im Zeitraum 2000 bis 2025 erzielte der schwedische Standartrentenfonds AP7 jährlich 11% Wertsteigerung.
"Jetzt kann man sagen, vielleicht hatten die einfach Glück", sagt CDU-Politiker Reddig. Aber auch in den Phasen etwa der Finanzkrisen oder dem Platzen der Telekom-Blase habe es eine Rendite von 11 Prozent gegeben.
Schwerdtner: "Sicher ist, dass die Finanzindustrie profitiert"
Mag ja sein, wirft da Linken-Chefin Ines Schwerdtner ein, die die Kapitalrentenidee ablehnt. Niemand könne in die Zukunft schauen, sagt Schwerdtner, und die Bundesregierung wisse doch gar nicht, wie sicher die geplanten Anlagen seien und ob die Bürger tatsächlich etwas zurückbekämen.
"Wir leben in sehr unsicheren Zeiten, das würden wohl alle so bestätigen. Mit Kriegen und Krisen. Sicher ist, dass die Finanzindustrie profitiert, aber ob die Bürgerinnen und Bürger was davon haben, ist gar nicht sicher."
Das wird Jüngere nicht so sehr betreffen wie den erfundenen Berufsanfänger aus vielen Rechenbeispielen. Denn mit 45 Beitragsjahren vor sich sollten die Kapitalmärkte sich solide entwickeln. Aber in einem stimmt SPD-Politikerin Annika Klose zu: "Schwieriger ist es in den Anfangsjahren, für die Jahrgänge, die jetzt fünf oder zehn Jahre vor Renteneintritt stehen, für die macht es sich stärker bemerkbar, wenn eine Finanzmarktkrise auftreten sollte."
Noch einige Fragen offen
Ohnehin wird die Kapitalrente in den ersten Jahren noch nicht genug Rendite abwerfen, um sofort die Rente solide aufzubessern - es wird Steuerzuschüsse geben müssen. Nur eines von etlichen noch ungeklärten Problemen, wenn das bisher umlagefinanzierte gesetzliche Rentensystem ein ganz neues Element erhält. Welche Rolle spielt das künftig bei Erwerbsminderung oder bei der Hinterbliebenenversorgung?
Die Rentenexperten der Koalition vermuten, dass die neue Kapitalrente noch in diesem Jahr in einem Reformgesetz prinzipiell beschlossen wird. Wegen der vielen kniffligen Details aber wird das eigentliche eigene Gesetz mit etwas mehr Ruhe im nächsten Frühjahr folgen. Bloß keine Flüchtigkeitsfehler.
Und keinen Streit, wie er entbrannte um die geplante Streichung der sogenannten Rente mit 63. CDU-Politiker Pascal Reddig sagt: "Das ist ein großer Wurf. Nachdem wir viele Jahre über Rentenpolitik diskutiert haben, ist das die erste große Reform nach 20 Jahren. Und deshalb sollten wir das umsetzen und nicht zerreden."
