Gefährdete Art Die Mehlschwalbe ist neuer Vogel des Jahres
Stand: 15.10.2026 • 11:36 Uhr
Sie fängt Insekten im Flug und brütet in Lehmnestern mit kleinem Einflugloch: Die Mehlschwalbe ist der Vogel des Jahres 2027. Ihr Bestand gilt als bedroht, denn nicht nur Hitzewellen machen den Tieren zu schaffen.
Von Von Stefanie Peyk, SWR
Die Mehlschwalbe ist Vogel des Jahres 2027. Gewählt wurde sie bei einer öffentlichen Online-Abstimmung der Naturschutzverbände NABU und LBV (Landesbund für Vogel und Naturschutz in Bayern). Die kleine Schwalbe mit der weißen Unterseite gilt als gefährdet.
Mehlschwalben sind etwa 14 Zentimeter groß. Kopf und Rücken glänzen schwarz-blau, Unterseite und Bürzel sind weiß wie Mehl - daher der Name. Die meisten Menschen kennen den Vogel im rasanten Flug, wenn er Insekten jagt. Mehlschwalben sind gesellig, brüten gern in Kolonien und bilden auch außerhalb der Brutzeit große Schwärme. Derzeit überwintern die Mehlschwalben in Afrika südlich der Sahara. Anfang April kehren sie nach Deutschland zurück, um zu brüten.
Lehmpfützen fehlen für den Nestbau
Typisch für Mehlschwalben sind ihre runden, fast geschlossenen Lehmnester mit kleinem Einflugloch. Diese sitzen an Gebäuden unter Dach- oder Fassadenvorsprüngen oder an Felswänden in Nischen. Dafür sammeln die Vögel in Pfützen Lehm, den sie mit Speichel vermengen, um dann Stück für Stück ihre Nester zu bauen. Ein einziges Nest kann aus bis zu 1.500 Lehm-Kügelchen bestehen. Mehlschwalben brüten oft zweimal im Jahr. Das hilft, Verluste auszugleichen - etwa wenn ein Gelege verloren geht oder Jungvögel nicht überleben.
"Leider ist der neue Jahresvogel gefährdet", sagt NABU-Vogelschutzexperte Martin Rümmler. Noch gebe es in Deutschland bis zu 770.000 Brutpaare. Der Bestand gehe aber stetig zurück. Nach Einschätzung des NABU gibt es dafür mehrere Gründe: Vorhandene Nester werden illegal zerstört. An den glatten Außenwänden sanierter Gebäude finden die Schwalben oft keinen Halt mehr für ihre Nester. Wo Hofeinfahrten und Feldwege asphaltiert sind, fehlen Lehmpfützen mit Nest-Baumaterial. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Fluginsekten, die die Mehlschwalben als Nahrung brauchen.
Große Hitze macht Jungtieren zu schaffen
Hitzewellen in Folge des Klimawandels machen den Vögeln zusätzlich zu schaffen. Nester unter Dachkanten können sich bei großer Hitze stark aufheizen. Für noch nicht flugfähige Jungvögel kann das zur tödlichen Falle werden, berichtet Artenschutzreferent Martin Klatt vom NABU Baden-Württemberg: "Wir haben in diesem Sommer erleben müssen, dass junge Schwalben aus dem Nest gesprungen sind, genauso wie Mauersegler, weil es einfach zu heiß wurde."
Die Folge waren sehr viele tote, verletzte und geschwächte Tiere. Pflegestationen, die Wildvögel normalerweise aufnehmen und pflegen, seien an ihre Grenzen gelangt und hätten zweitweise einen Aufnahmestopp gehabt, weil sie die Masse an hilfsbedürftigen Tieren nicht mehr versorgen konnten.
Wie jeder einzelne helfen kann
Wer Mehlschwalben helfen möchte, kann mit einfachen Mitteln viel erreichen. Wichtig ist zunächst, vorhandene Nester zu dulden. Das Abschlagen der Nester ist verboten. Wird ein Haus saniert und wollen Eigentümer deshalb Nester entfernen, brauchen sie dafür eine Ausnahmegenehmigung, erklärt NABU-Fachmann Klatt. In der Regel verlangten die zuständigen Behörden dann, dass Kunstnester angebracht werden, damit die Vögel weiter am Haus brüten können. Ein Kot-Brett hilft, dass die Fassade sauber bleibt. Angelegte Lehmpfützen in Hof oder Garten bieten Baumaterial für den Nestbau. Und ein naturnaher Garten lockt Insekten an - für die Mehlschwalben sind sie willkommene Nahrung.
Den Vogel des Jahres küren die Naturschützer seit mehr als 50 Jahren - seit 2021 mit einer öffentlichen Online-Wahl. Die Mehlschwalbe löst das Rebhuhn ab, das in diesem Jahr den Titel trägt. Mit dem "Vogel des Jahres" soll Aufmerksamkeit geschaffen werden für wechselnde Naturschutzanliegen.
