Stand: 22.10.2026 • 17:02 Uhr
30 Prozent der Erde sollen bis 2030 unter Naturschutz stehen. Dazu haben sich die Staaten der UN-Artenschutzkonferenz verpflichtet. Schon jetzt zeigen einige Konzepte Erfolge - aber Kosten und Aufwand sind hoch.
Von Jenny von Sperber
Tier- und Pflanzenarten sterben in rasendem Tempo aus: In den vergangenen 50 Jahren sind fast drei Viertel der wild lebenden Wirbeltiere verschwunden, und mit ihnen viele Arten komplett. Eines der erklärten Ziele der UN-Artenschutzkonferenz ist deshalb, mehr Naturschutzgebiete zu schaffen. Diese gelten als besonders wirksam, wenn es darum geht, bedrohte Arten zu schützen.
Kegelrobben zurück in Deutschland
Naturschutzgebiete sind vor allem Rückzugsräume für Wildtiere, erklärt Thea Hamm vom Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Dort fänden sie noch das, was sie unbedingt zum Leben brauchten. "Bei Kegelrobben sind das ungestörte Sandbänke, die auch bei Flut trocken bleiben. Ohne die haben sie keinen Ort, um ihre Jungen groß zu ziehen."
Vor 40 Jahren waren die Kegelrobben in Deutschland ausgerottet, sagt Hamm. Heute leben wieder 12.500 Tiere im Wattenmeer, 3.500 davon in Deutschland. Das ist auch dem Nationalpark zu verdanken, in dem solche Sandbänke geschützt werden.
Schützen, was bedrohte Arten brauchen
Dass Wildtiere nicht gestört werden, mag nach einem Luxus-Wunsch klingen. Tatsächlich ist es an bestimmten Orten aber lebenswichtig, erklärt Hamm. 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresfläche sollen laut Beschluss der UN-Artenschutzkonferenz bis 2030 Schutzgebiete sein. Ob das ausreicht, hängt stark davon ab, wo diese Gebiete liegen und welche Lebensräume sie schützen. Nur Gegenden, in denen viele bedrohte Arten zuhause sind, können ein wirksames Schutzgebiet sein.
Viel Aufwand für Bartgeier
Auch in den Alpen profitieren wichtige Wildtiere von geschützten Gebieten. Im Nationalpark Berchtesgaden werden seit einigen Jahren die in Deutschland ausgestorbenen Bartgeier wieder angesiedelt. Geier sind wichtig, weil sie die Ausbreitung von Krankheiten verhindern, die auch Menschen gefährden können.
Im geschützten Gebiet des Nationalparks werden Jungvögel aus Zoos und Zuchtstationen in abgesicherte Felsnischen gesetzt und dort ständig überwacht, erklärt Magdalena Deelmann. Sie ist stellvertretende Leiterin des Projektes, das vom Nationalpark und vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) durchgeführt wird.
Damit die jungen Bartgeier überleben, ist allerdings viel Aufwand nötig. Auch dann, wenn sie die Nische verlassen haben, erklärt Deelmann: "Dann sind wir mit einem großen Team vor Ort und beobachten die Vögel von morgens bis in die Abenddämmerung, um ihren Gesundheitszustand zu überwachen."
Artenschutz in Schutzgebieten sei kein Selbstläufer, sondern immer Work-in-Progress. "Wir leisten auch viel Überzeugungsarbeit, um die Menschen von der Dringlichkeit des Artenschutzes zu überzeugen", sagt die Geografin.
Diskussionspapier zur Wirkung von Schutzgebieten
Die Akzeptanz und Unterstützung der Anwohner seien ein wichtiger Punkt, wenn es um die Wirksamkeit von Schutzgebieten geht, sagen die Autoren eines neuen Diskussionspapiers der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Die Expertinnen und Experten untersuchen darin, wie Schutzgebiete eine möglichst große Wirkung entfalten können.
Thomas Potthast, Professor für Ethik der Biowissenschaften in Tübingen, ist einer der Autoren. Er sagt, dass mehr Flächen geschützt werden müssen, die "frei von direkter menschlicher stofflicher Nutzung" seien. Also Meeresgebiete ohne Schleppnetzfischerei beispielsweise oder Wälder ohne intensiven Waldabbau. "Wir brauchen mehr Flächen, wo die Natur Natur sein darf."
Monitoring und Anpassen der Gebiete
Es reicht aber nicht, einen Zaun um ein Gebiet zu ziehen und es einfach sich selbst zu überlassen. Ein wirksames Schutzgebiet muss gut überwacht und wenn nötig die Regeln angepasst werden - je nachdem, was die bedrohten Arten darin brauchen.
Im Wattenmeer wurde beispielsweise 2023 die Geschwindigkeitsbegrenzung für Schiffe heruntergesetzt, um den Unterwasserschall und die Zahl der Kollisionen mit Meeressäugern zu vermindern. In Berchtesgaden wird das Gebiet direkt um die Nischen der Bartgeierjungen möglichst von Touristenströmen freigehalten.
Schutzgebiete können bedrohten Arten helfen
Tatsächlich gibt es viele Schutzgebiete, die bedrohten Arten eine echte Zuflucht bieten. Sogar mehr als gedacht, zeigen britische Wissenschaftler in einer neuen Studie. Denn einige Gebiete gehen nicht in die offizielle Statistik ein, sagt der Biodiversitätsforscher Bob Smith, Professor an der Universität Kent in England.
Trotzdem ist er skeptisch, ob die geplanten Schutzflächen genügen, um das Artensterben zu stoppen: "Möglicherweise reichen 30 Prozent geschützte Flächen aus, wenn sie gut verwaltet werden", schätzt er. Aber sicherlich gäbe es bestimmte Länder, die eine so bedeutende Artenvielfalt beherbergen, dass dort noch stärkerer Schutz nötig sei.
Wie man den Aufwand und die Kosten, die für Schutzgebiete notwendig sind, möglichst gerecht aufteilen kann, auch darüber werden die Delegierten der UN-Artenschutzkonferenz im armenischen Eriwan bis Ende Oktober diskutieren.
