Wenn es nach Marcel Pouchain Meyer geht, dann war die Entscheidung längst überfällig. So zumindest blickt der zuständige Deutschland-Manager von Ryanair die Schließung der Basis am Berliner Flughafen BER. Sie bedeutet, das sieben Flugzeuge der irischen Budget-Airline, die bislang hier ihren Hauptstandort hatten, ins Ausland verlegt werden.
"Die Flieger werden dann einfach woanders übernachten", sagt Pouchain Meyer. Das bedeutet: auch die nächtliche Wartung findet woanders statt. In Ländern, in denen Fliegen billiger ist als in Deutschland: Dazu gehören zum Beispiel Schweden, Italien, Slowakei oder Polen, erklärt der Ryanair-Manager. Mit den Flugzeugen wandern auch die Piloten und das Kabinenpersonal ab: insgesamt also 210 Jobs, die am BER verloren gehen.
Zwar werden Flieger von Ryanair den BER weiterhin ansteuern - allerdings nur noch als vereinzeltes Ziel im sogenannten Point-to-Point-Betrieb, also als Verbindung zu einigen beliebten Urlaubszielen etwa. Unter dem Strich verringert sich die von der Airline am BER angebotene Passagierkapazität deutlich: Von 4,5 Millionen einzelnen Sitzplätzen pro Jahr auf 2,2 Millionen. Auf vielen verbleibenden Strecken wird seltener geflogen. Und beliebte Verbindungen nach Fuerteventura, Gran Canaria oder Lanzarote fallen ganz weg.
Jahrelange Fehde zwischen BER und Ryanair
Damit ist das vorläufige Ende einer lange andauernden Fehde zwischen Ryanair und dem "Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt", wie der BER ganz korrekt heißt, erreicht. Seit Jahren kritisiert Ryanair, dass der gesamte Standort Deutschland im europäischen Vergleich viel zu teuer sei, Gebühren und Steuern viel zu hoch.
Die Airline moniert, dass seit 2019 Luftverkehrssteuer und Sicherheitsgebühren doppelt so teuer geworden sind. Die Flugsicherungsgebühr hat sich mehr als verdreifacht. Außerdem wurden am BER zudem die Flughafenentgelte um 50% erhöht. Weitere 10% Erhöhung hat der Flughafen angekündigt - bis 2029. Daraufhin fiel die Entscheidung bei Ryanair, die Basis am Hauptstadtflughafen zu schließen.
Weniger Strecken ab Berlin: Ryanair schließt Basis am BER.
Die Gewerkschaft ver.di und die Pilotenvereinigung Cockpit äußerten beide die Vermutung, dass die Schließung der Basis in Berlin auch damit zu tun haben könnte, dass dort vor anderthalb Jahren der einzige Betriebsrat eines Ryanair-Standortes in Deutschland gegründet wurde. "Evidenzen dafür haben wir natürlich nicht", sagt Dennis Dacke von ver.di. "Aber wir wissen, dass Mitbestimmung bei Ryanair nicht beliebt ist."
Ryanair bestreitet, dass es einen Zusammenhang zwischen Betriebsratsgründung und Basis-Schließung gibt. Stattdessen verweist Ryanair auch auf Nachfrage nochmal auf die hohen Standortkosten. Die Flughafenentgelte seien die Stellschraube, mit der Flughäfen ihre Kosten senken können. Die Discount-Airline bevorzugt kleinere Flughäfen, die in der Regel billiger sind als große.
Neun Jahre zu spät, erheblich teurer als geplant
Der BER nimmt in Deutschland eine Sonderrolle ein: einst als großes Drehkreuz geplant, fristet er heute eine Existenz als - sehr teuer gebauter - großer Regionalflughafen. Dabei hatte es an Optimismus in all den Jahren seit dem Baubeginn vor zwanzig Jahren nicht gemangelt. 2011 sollte der BER in Betrieb gehen. Erst neun Jahre später, 2020, war es tatsächlich so weit.
Die Verzögerung schuf einen gigantischen Schuldenberg. Aus den geplanten zwei Milliarden Euro Baukosten (Stand 2006) wurden mehr als sieben Milliarden Euro. Geld, das der Betrieb des Flughafens erst einmal wieder einspielen muss - auch durch Flughafenentgelte. Doch dafür bräuchte es kontinuierliches jährliches Wachstum. Dieses aber gibt es nicht.
Optimismus als einzige Konstante
Dem Optimismus bei den Verantwortlichen in der Hauptstadtregion schien das in all den Jahren nichts anhaben zu können. Noch im März 2022 fabulierte die Stadt Berlin in einer offiziellen Pressemitteilung: "Bis zum Jahr 2040 ist die Steigerung der Kapazität auf bis zu 58 Millionen Fluggäste pro Jahr geplant." Zu dieser Zeit nutzten - auch bedingt durch Corona-Maßnahmen - nicht einmal 20 Millionen Passagiere den BER.
Und Zuversicht herrschte auch noch Anfang 2026. Die BER-Geschäftsführung erklärte, man rechne mit 26,5 bis 27 Millionen Fluggästen im laufenden Jahr. Bereits im Verlauf des ersten Halbjahres aber wurde klar: am BER fliegen nicht mehr, sondern weniger Menschen als im Vorjahreszeitraum: 25,7 Millionen sollen es nun wohl zum Jahresende werden.
Rote Zahlen seit der Eröffnung
Seit der Eröffnung schreibt der Flughafen zuverlässig Verluste. Diese fielen mit jedem Jahr zwar zunehmend kleiner aus, doch der Schuldenberg wuchs immer weiter. Um irgendwann in die Gewinnzone zu kommen, benötigt der BER möglichst hohe Einnahmen - daher ist eine Senkung der Flughafenentgelte auf das Niveau anderer Regionalflughäfen kaum machbar. Ein Dilemma für die Betreiber. Und für Ryanair eben Grund genug, seine Präsenz am BER weiter zurückzufahren.
Der aus Ryanair-Sicht wahrscheinlich einzig logische Schritt "um den Flughafen wieder wettbewerbsfähig zu machen", sei "ein Schuldenschnitt", so Pouchain Meyer. Das hieße aber wohl, dass die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund als Eigentümer außerplanmäßig Millionen oder Milliarden an Verlusten abschreiben müssten. Dafür aber gibt es keine Pläne und wohl auch keinen politischen Willen.
Kein Wachstum am BER in Sicht
Als die Kürzungspläne von Ryanair bekannt wurden, verkündet der BER umgehend, dass zwei andere Fluggesellschaften, Wizz Air und Eurowings, ihr Angebot ausbauen und damit die verloren gegangenen Flüge von Ryanair wenigstens teilweise ersetzen würden. Das aber stimmt so nicht.
Richtig ist: Wizz Air und Eurowings wollten ihr Angebot ohnehin ausweiten - und hätten dies so oder so getan. Die von den beiden Airlines neu eingerichteten Verbindungen fliegen zudem in andere Städte als die weggefallenen Flüge von Ryanair. Wäre Ryanair geblieben, wäre also durch Wizz Air und Eurowings endlich einmal das lang prognostizierte Wachstum am BER entstanden. Nun eben nicht.
Heute wurde auch noch bekannt: der angedachte Deal mit der Fluggesellschaft Emirates wird nun doch nicht realisiert. Die Airline wird den BER auch weiterhin nicht anfliegen, obwohl das eigentlich vereinbart wurde. Der Flughafen teilt mit, man werde "spätestens 2030 - und damit bereits zehn Jahre nach der Eröffnung des mit immensen Investitionen errichteten Flughafens BER" ein ausgeglichenes Konzernergebnis erreichen. An diesem Ziel halte man fest.
