Stand: 20.10.2026 • 18:23 Uhr
Seit Wochen greift Russland gezielt Brücken in der ukrainischen Hauptstadt Kiew an. Die Einwohner versuchen, sich mit dem Verkehrschaos so gut wie möglich zu arrangieren. Der Ausnahmezustand gehört bereits zum Alltag.
Von Niels Bula, ARD Kiew
Feierabendverkehr in Kiew. Dicht an dicht stehen die Fahrgäste im Stadtbus 110. Vom Zentrum geht es über den Fluss Dnipro auf die andere Seite der Stadt. Hunderttausende pendeln täglich über die Brücken - auch Andrij.
Der 32-jährige Bäcker erlebt zurzeit ziemlich volle Busse: "Voll ist gar kein Ausdruck - die Busse sind einfach brechend voll. Und man kommt nicht immer rein. Heute Morgen zum Beispiel ist ein Bus einfach vorbeigefahren, ohne anzuhalten. Beim zweiten hatte ich dann Glück."
Angriff auch während des Kanzlerbesuchs
Grund sind die immer heftigeren Angriffe. Seit Wochen zielt Russland nun verstärkt auf Brücken. Als Bundeskanzler Merz Anfang Oktober Kiew besuchte, schlug auf der Nordbrücke eine Drohne ein. Der Verkehr musste umgeleitet werden, kilometerlange Staus waren die Folge.
Auch Metroverbindungen fallen wegen der Attacken öfter aus, die Fahrgäste müssen auf Busse umsteigen. Iryna ist auf dem Weg zu ihrer Mutter. Für sie und viele andere ist das Gefühl ständiger Bedrohung Alltag: "Angst ist sozusagen zu einem Dauerzustand geworden. Man weiß einfach, dass ständig etwas passieren könnte. Die Menschen gewöhnen sich irgendwie daran, aber das ist nicht normal."
Angriffe gefährden Wirtschaft
Russland gehe es bei seinen Angriffen nicht nur um die Brücken an sich, sagt Dmytro Bespalow. Der Experte für Verkehrsplanung lehrt an der Nationalen Universität für Bauwesen und Architektur Kiew. Vielmehr nehme Russland mit diesen Angriffen die gesamte ukrainische Wirtschaft ins Visier.
"In Kiew besteht ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen der Verteilung der Wohnbevölkerung und der Arbeitsplätze", erklärt Bespalow. "Viele Menschen leben am linken Ufer des Dnipro, während sich die meisten Arbeitsplätze am rechten Ufer befinden."
Wenn Menschen nicht mehr zur Arbeit kommen, wirke sich das auf die Wirtschaft aus. Außerdem laufe auch ein erheblicher Teil der Gütertransporte über die Brücken.
Brückenschäden schwer zu beurteilen
Wie gefährlich die Einschläge für die Stabilität der Brücken sind, kann Bespalow nicht mit Sicherheit sagen. Ein paar Treffer durch Drohnen würden sie noch nicht einstürzen lassen, glaubt er. Allerdings seien viele Brücken ohnehin schon sanierungsbedürftig.
"Durch eine Explosion können Schäden entstehen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Es kann also verborgene Schäden geben", so der Experte. "Deshalb muss man beobachten, wie sich die Brücke verhält und ob sie innerhalb der zulässigen Belastungsgrenzen funktioniert." Erst danach lasse sich beurteilen, ob sie weiterhin sicher genutzt werden kann. "Das alles braucht Zeit", so Bespalow weiter.
Busfahrer arrangieren sich mit der Situation
Der Stadtbus 110 hat seinen Weg über die Brücke ohne Zwischenfälle geschafft. Busfahrer Ruslan Kenja gönnt sich eine kurze Raucherpause, bevor es wieder zurück auf die andere Seite geht. Für ihn habe sich durch die Angriffe auf Brücken nicht viel verändert.
"Wir arbeiten ganz normal weiter. Wenn die Brücke, über die wir fahren, gesperrt wird, fahren wir über die Nordbrücke und informieren die Fahrgäste", erzählt er. "Und bei Luftalarm teilen wir über Lautsprecher mit, wo sich der nächstgelegene Schutzraum befindet."
Ausnahmezustand als Alltag
Doch wie ernst die Lage zurzeit in Kiew wegen der ständigen Luftangriffe ist, wird klar, als Ruslans Pause gestört wird. Plötzlich ist Abwehrfeuer zu hören. Eine Drohne ist in der Nähe. "Wir haben uns im fünften Jahr des großen Krieges daran gewöhnt. Man muss ja irgendwie weiterleben. Deshalb passen wir uns an. Auch wenn es psychisch schwer ist, machen wir trotzdem weiter."
Und dann geht’s auch schon weiter: Ruslan fährt zurück ins Zentrum von Kiew. Ausnahmezustand ist hier schon lange Alltag.
