Jerusalem im Ausnahmezustand. Tausende Männer in schwarzen Mänteln und weißen Hemden blockieren die Straßen, zünden israelische Flaggen an und liefern sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Unter den Demonstrierenden ist auch Mordechai. Der junge ultraorthodoxe Mann macht seinem Ärger Luft: "Der Staat verfolgt die Religion", schimpft er. "Er versucht, ultraorthodoxe Juden zwangsweise in eine geschlossene Institution namens Israelische Verteidigungsstreitkräfte zu zwingen und sie zu Israelis zu machen, also zu säkularen Menschen."
Es ist der wütende Protest der Haredim - der ultraorthodoxen Juden. Nach wegweisenden Urteilen des Höchsten Gerichts sind ihre jahrzehntelangen Privilegien, die sie vom Militärdienst befreiten, gekippt. Nun sollen auch sie den Wehrdienst absolvieren.
Die "spirituelle Front" gegen den Wehrdienst
Ihre religiösen Führer wehren sich rigoros gegen den Dienst an der Waffe. Sie propagieren stattdessen eine "spirituelle Front". Führende Rabbiner rufen die Jugendlichen offen dazu auf, ihre Einberufungsbefehle schlicht zu zerreißen.
Unter ihnen ist auch der ehemalige sephardische Oberrabbiner Jitzchak Josef. Für ihn sind diejenigen, die die Tora studieren, Soldaten in Gottes Armee. Er vertritt eine eigene Theorie über den Schutz des Landes:
"Wodurch werden Jerusalem und Israel bewahrt? Glauben die Leute etwa, es sei wegen des Iron Dome oder all dieser Dinge? Nein. Wir werden durch das Verdienst der Tora gerettet. Und wenn Soldaten getötet werden, dann liegt das an den Behörden, die das Tora-Studium einschränken."
Zerreißprobe für die Politik
In der säkularen Mehrheit der israelischen Bevölkerung stößt diese Haltung auf tiefes Unverständnis. Nach drei Jahren kräftezehrender Mehrfrontenkriege leidet die israelische Armee unter akutem Personalmangel, während gleichzeitig die wirtschaftliche Last drückt. Die Forderung nach Wehrgerechtigkeit ist zu einem zentralen Thema im laufenden Wahlkampf geworden.
Schon in der aktuellen Legislaturperiode hat der Streit die Regierungskoalition von Premierminister Benjamin Netanjahu mehrmals fast zu Fall gebracht. Auch bei den kommenden Koalitionsverhandlungen wird die Frage entscheidend sein, insbesondere wenn wieder ultraorthodoxe Parteien beteiligt werden sollen.
Der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot, der Chancen hat, Netanjahu nach den Wahlen abzulösen, bezieht eine unmissverständliche Position: "Was das Wehrpflichtgesetz betrifft, so kann ich Ihnen versichern, dass dies für mich eine rote Linie darstellt. Es muss ein Gesetz über einen nationalen Dienst für alle israelischen Staatsbürger geben - einschließlich ultraorthodoxer Juden und arabischer Bürger."
Hoffnung auf einen pragmatischen Ausweg
Diese unnachgiebigen Positionen auf beiden Seiten lassen Beobachter an einer schnellen Einigung zweifeln. Doch abseits der Straßenproteste gibt es innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinschaft durchaus differenzierte und pragmatische Stimmen.
Eli Palay, Herausgeber der einflussreichen haredischen Zeitschrift Mishpaha, blickt analytisch auf den Ausgang der anstehenden Wahl. Er glaubt, dass ein politischer Wechsel paradoxerweise eher zu einer Lösung führen könnte als ein Verbleib Netanjahus im Amt:
"Das heißt, wenn Eisenkot gewinnt, glaube ich, dass wir innerhalb eines Jahres eine Lösung finden. Wenn Bibi gewählt wird, befürchte ich, dass die gleichen Kampagnen zurückkehren, die Demonstrationen und was auch immer. Ich hoffe, dass wir zu einer Lösung kommen."
Nationalreligiöse und ultraorthodoxe Juden in Israel
Nationalreligiöse Juden verbinden ihren Glauben mit Zionismus, sie sehen den Staat Israel und die Tora als Einheit. Sie sehen im besetzten Westjordanland das biblische Judäa und Samaria und unterstützen die jüdische Besiedlung des Gebiets. Aus dem nationalreligiösen Milieu geht die Siedlerbewegung hervor. Wie die ultraorthodoxen lernen die nationalreligiösen Männer in Toraschulen, leisten aber zudem Wehrdienst und sind meist berufstätig.
Ultraorthodoxe Juden leben nach strengreligiösen Regeln und oft abgeschottet in eigenen Vierteln. Sie sind kaum bis gar nicht zionistisch und stehen dem Staat Israel distanziert gegenüber. Einige lehnen den Staat ganz ab: Sie glauben, dass erst der Messias einen jüdischen Staat gründen darf. Die meisten ultraorthodoxen Männer leisten keinen Wehrdienst - obwohl die Ausnahmeregelung vom Militärdienst für 2024 ausgelaufen ist. Die meisten Männer lernen ein Leben lang in Toraschulen und sind nicht berufstätig.
Integration - ohne das System zu brechen
Für Palay liegt der Schlüssel zur Beilegung des gesellschaftlichen Großkonflikts nicht darin, die Religionsschulen brachial zu zwingen. Er plädiert für eine schrittweise Annäherung. Hinter den Kulissen sei eine pragmatische Integration der Haredim in den Sicherheitsapparat nämlich längst Realität.
"Es gibt heute Hunderte von haredischen Männern, die in technologischen und nachrichtendienstlichen Einheiten dienen", erklärt Palay. Zudem würden bereits Hunderte haredische Frauen als Zivilangestellte für die Armee, die Luftwaffe und die Rüstungsindustrie arbeiten. Der Verleger sieht darin ein zukunftsweisendes Modell für den Konflikt:
"Der Weg, Haredim zu integrieren, bedeutet nicht, das religiöse System zu brechen. Sondern er muss darüber führen, dass diese Gruppe ihre Bereitschaft, ihr Talent und das Humankapital einbringt, ohne Spannungen zwischen den beiden Gruppen zu schaffen."
Ob die künftige israelische Regierung diesen behutsamen Weg des Dialogs wählt oder den Konflikt per Gesetz erzwingen will, entscheidet sich an den Wahlurnen. Die fundamentale Frage, wer das Land mit der Waffe verteidigt und wer durch das Studium der Schriften schützt, bleibt wohl noch lange eine Zerreißprobe für die israelische Gesellschaft.
Parlamentswahl in Israel
Israel wählt am 27. Oktober 2026 ein neues Parlament, die Knesset. Die Wahl findet vor dem Hintergrund der Folgen des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023, der Kriege im Nahen Osten und des Korruptionsprozesses gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu statt.
Zentrale Themen sind die Außen- und Sicherheitspolitik, Verantwortlichkeiten für Fehler bei der Abwehr des Hamas-Angriffs, der Militärdienst für ultraorthodoxe Männer und hohe Lebenshaltungskosten.
Als wichtigster Herausforderer Netanjahus und seiner rechts-religiösen Koalition unter Führung der Likud-Partei gilt Israels Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot. Mit seiner Partei Jaschar tritt er unter anderem für eine Stärkung des Rechtsstaates ein und vertritt in Sicherheitsfragen einen harten Kurs, insbesondere gegenüber der Hamas.
