Stand: 16.10.2026 • 17:51 Uhr
Wegen eines Brandanschlags auf eine Starlink-Station in Polen wurden zwei Tatverdächtige in Deutschland festgenommen. Nach Recherchen von ARD-Hauptstadtstudio und STRG_F sollen die beiden Männer zur türkischen Organisierten Kriminalität gehören.
Von Michael Götschenberg, ARD-Sicherheitsexperte, und Paul Schwenn, STRG_F
Am Montagabend schlugen die Ermittler zu. Spezialkräfte des Landeskriminalamts Baden-Württemberg nahmen in Nürtingen zwei Männer fest: Müslüm T. und Ümit E., 34 und 38 Jahre alt, beide sind türkische Staatsangehörige.
Die Festnahme erfolgte aufgrund eines europäischen Haftbefehls aus Polen. Die beiden Männer werden von den polnischen Behörden verdächtigt, einen Brandanschlag auf eine Starlink-Station in Wola Krobowska, südlich von Warschau verübt zu haben.
Starlink gehört zum Space X-Konzern des Tech-Milliardärs Elon Musk. Es versorgt die ukrainischen Streitkräfte mit Internet und ist überlebenswichtig für den Abwehrkampf gegen die russische Invasion.
Tatverdächtige sollen zu den "Daltons" gehören
Polens Geheimdienst-Koordinator Tomasz Siemoniak erklärte, es gebe "keinerlei Zweifel daran, dass hinter diesem Sabotageakt russische Geheimdienste stehen". Ob es Belege dafür gibt und welche, ist bisher unklar. Die polnischen Ermittler beantragen die Überstellung der beiden Männer nach Polen.
Nach Recherchen von ARD-Hauptstadtstudio und STRG_F führt die Spur ins Milieu der Organisierten türkisch-kurdischen Kriminalität: Demnach gehören die Beiden zu einer Gruppe, die sich selbst als "Daltons" bezeichnet.
Eine weitere Person, die von der Berliner Polizei festgenommen wurde, wurde nach Informationen aus Sicherheitskreisen wieder freigelassen, da ihr keine Beteiligung an der Tat nachgewiesen werden konnte. Es soll sich dabei um den Fahrer gehandelt haben.
"Gen-Z-Mafia" mit Comicbezügen
Die "Daltons" gelten als eine Gruppe der sogenannten Gen-Z-Mafia aus der Türkei. Ein typisches Merkmal dieser Gruppen ist die Anspielung auf Comicserien. Neben den "Daltons" gibt es auch die "Casper" oder die "Şirinler", auf deutsch: die Schlümpfe.
Der Ursprung der "Daltons" liegt in Istanbul, aber mittlerweile agiert die "Gen-Z-Mafia" international und immer häufiger auch in Deutschland. Laut Bundeskriminalamt sind die Gruppierungen vor allem in den Bereichen Bedrohungen, Erpressungen und illegaler Waffenhandel aktiv.
Wer tatsächlich zu den "Daltons" gehört, lässt sich für die Ermittler in Deutschland mitunter nur schwer bestimmen. Die Bündnisse wechseln, es gründen sich lokale Ableger, dazu gibt es offenbar Trittbrettfahrer, die den Namen der berüchtigten "Daltons" verwenden.
Enge Verbindung der "Daltons" nach Russland
Als Anführer der Daltons gilt ein Mann namens Berat Can Gökdemir alias "Can Dalton". Er soll sich in Russland aufhalten. Das ARD-Magazin Kontraste berichtete im März dieses Jahres über weitere Hinweise auf Verbindungen der Gruppe nach Russland. So stieß Kontraste auf Videos, die Soldaten in russischen Diensten zeigen sollen, wie sie Gökdemir zum Geburtstag gratulieren. In den sozialen Netzwerken huldigen Mitglieder dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, versehen Beiträge oder Profile mit Russlandflaggen.
Deutschland und andere europäische NATO-Mitglieder werfen Russland einen hybriden Krieg gegen sie vor, da sie die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen die russische Invasion unterstützen, und machen den Kreml für zahlreiche Sabotageangriffe verantwortlich. Zuletzt hatte die Bundesregierung Russland beschuldigt, einen Anschlag mit Sprengstoffdrohnen am Flughafen Leipzig-Halle verübt zu haben, wenn auch erfolglos.
Dabei setzt Russland nach Erkenntnissen westlicher Sicherheitsbehörden bisher vor allem auf die Anwerbung sogenannter Low-Level-Agenten - ungelernte Hilfsagenten, die über Mittelsmänner rekrutiert werden, um gegen Bezahlung Sabotageoperationen durchzuführen.
Mögliche neue Strategie
Der aktuelle Anschlag auf die Starlink-Station in Polen könnte nun ein Hinweis auf einen anderen Modus operandi sein, auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher ist, dass ein russischer Geheimdienst der Auftraggeber ist.
Noch am Montag hatte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen, betont, russische Geheimdienste setzten "das gesamte Instrumentarium an Angriffsmitteln und Akteuren kombiniert und koordiniert" ein, und zwar "zunehmend auch Strukturen der Organisierten Kriminalität".
Als "Crime as a service" bezeichnen Sicherheitsbehörden dieses Phänomen, das es sowohl im Cyberraum als auch in der realen Welt gibt: Gruppen der Organisierten Kriminalität bieten sich als bezahlte "Dienstleister" an. Im Fall der "Daltons" könnte es darüber hinaus Ausdruck einer besonderen Nähe zu Russland sein.
