Gor Hovhannisyan wartet am Rand des Dilijan-Nationalpark. Mit seinen zwei Rangern soll es gleich los gehen - auf die Suche nach illegalen Holzfällern. Diesmal dabei: eine neue App auf dem Handy, die Satellitenbilder zu roten Pins auf der Handy-Landkarte verarbeitet.
Es sind Stecknadelköpfe, die Orte beschreiben, an denen ein Baum gefallen ist. Entweder von selbst - oder unter Einsatz von Werkzeugen gefällt. Die KI bietet hier eine neue Technik, die es dem kleinen Team erleichtern soll, den wertvollen Mischwald zu schützen. "Vor 30 Jahren waren noch 21 Prozent Armeniens mit Wäldern bedeckt", sagt Hovhannisyan. "Jetzt sind es offiziell sieben Prozent, gerade mal ein Drittel. Das sind aber nur die offiziellen Zahlen. Ich denke, es sind tatsächlich weniger als fünf Prozent."
Hovhannisyan gründete seine NGO vor zehn Jahren. Damals war die Jagd auf illegale Holzfäller noch risikoreicher als heute. "In den ersten drei Jahren war es sehr gefährlich. Einmal wurden unsere Freiwilligen von Dorfbewohnern 20 Minuten lang verprügelt", erzählt Hovhannisyan. "Ein anderes Mal brachte ich meine Tochter zur Schule als ein mir unbekannter Mann kam und sagte: Das nächste Mal wirst Du Deine Tochter vielleicht nicht in der Schule finden."
Einsatz aus Überzeugung
Hovhannisyan ist ein Überzeugungstäter, er liebt den Wald, auch wenn er vom Naturschutz nicht leben kann. Etwa 30.000 Euro gibt es an Zuschüssen vom CNF, der Stiftung Caucasus Nature Fund. Hovhannisyan hat noch eine Handvoll anderer Jobs - anders würde der Familienvater nicht über die Runden kommen. Die Suche nach illegalen Holzfällern ist zeitraubend, die neue KI-Technik zeigt aber erste Erfolge.
Der erste Baumstumpf, zu dem ihn das Handy führt, ist offenbar unter Einsatz einer Kettensäge gefallen. Auf dem Weg zur nächsten Markierung auf dem Handy kommt dem Team ein Auto entgegen, die dunkelgrüne Farbe lässt auf ein Forstfahrzeug schließen - doch darin, sitzt ein Privatmann. Im vollen Heckraum: frisch gesägtes Holz. Der Fahrer erklärt, alles sei legal - Hovhannisyan glaubt ihm nicht und fotografiert das Kennzeichen.
Der Caucasus Nature Fund fördert unter anderem die Wiederansiedlung des Maral-Hirsches, einem kaukasischen Rotwild. Die Art war in Armenien praktisch ausgestorben. Inzwischen gibt es wieder mehr als 30 Tiere.
Förderung auch mit deutschen Geldern
Funde wie diese sind ein Erfolg für Hovhannisyan, dessen ständige Kontrollen illegale Holzfäller abschrecken. Und auch ein Erfolg für den CNF, der mit wenig Geld viel erreicht. "Es ist eines unserer erfolgreichsten Projekte", lobt CNF-Leiter Arman Vermishyan. In seinem Büro fährt er mit dem Finger über eine Karte der Region und beschreibt die Mittel, mit denen der CNF Projekte in der Region fördert: Armenien erhält 1,4 Millionen jährlich, Georgien zwei Millionen. Bei jeder Förderung müsse der jeweilige Staat mindestens die Hälfte selbst aufbringen.
Gegründet wurde der CNF 2007 durch das deutsche Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, dem deutschen WWF und der Naturschutzorganisation Conservation International. "Der größte Teil unserer Mittel ist deutsches Geld", sagt Vermishyan.
Alles hängt miteinander zusammen
Mit den Mitteln soll Naturschutz als Gesamtprojekt gefördert werden. Sind die Wälder stabil, hilft das Flora und Fauna insgesamt. So fördert der CNF die Wiederansiedlung des Maral-Hirsches, einem kaukasischen Rotwild. Die Art war in Armenien praktisch ausgestorben. "Inzwischen haben wir hier 31 Tiere, 22 haben wir schon ausgewildert. Darunter sind acht Babies", berichtet Mher Sadoyan, Projektkoordinator beim WWF.
Beteiligt ist der WWF auch an der Wiederansiedlung des kaukasischen Leoparden, von dem in der Region kaum mehr als 40 leben, etwa ein Dutzend davon in Armenien. Alles hängt miteinander zusammen: Der Wald muss Schutz bieten für den Hirsch, der Leopard wiederum lebt auch vom Hirsch. Einfache Zusammenhänge, doch die Staaten der Welt tun sich schwer mit dem Schutz der Natur.
Eine Million Tier- und Pflanzenarten bedroht
Weniger als die Hälfte der Staaten in der Welt liege bei den eigenen nationalen Zielen zur Biodiversität auf gutem Kurs, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres in Eriwan vor der Eröffnung der zweiwöchigen Konferenz, die fast 200 Vertragsstaaten der UN-Konvention über Biodiversität dort zusammenbringt. "Diese schlechten Nachrichten bedeuten, dass der Krieg gegen die Natur noch nicht beendet ist", sagt Guterres. In den kommenden Jahrzehnten könnten Experten zufolge bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sein.
Es ist ein Kampf, der Aktivisten wie Hovhannisyan ermüdet und oft auch zweifeln lässt. Inzwischen hat die App auf seinem Handy zwei Verdachtsstellen im Dilijan-Nationalpark ausgemacht, die frische Sägespuren zeigen. Der Holztransporter vom Morgen stellt sich in der Folge als Holzdieb heraus - ein anderes Auto war hier nicht unterwegs. Hovhannisyan hat nun einen neuen Fall: "Ich habe sein Nummernschild, und der Mann hat jetzt ein großes Problem."
Dass diese Probleme rund um mehr Naturschutz von den Tausenden von Politikern und Gästen der COP17-Konferenz gelöst werden, daran glaubt Hovhannisyan schon lange nicht mehr. Er sitzt an einer steilen Bergböschung und blickt frustriert auf den großen Baumstumpf vor sich.
Die Hoffnung auf die Politik ist Zynismus gewichen: "Wir haben jetzt die Konferenz in Armenien und unsere Führer werden über die schönen Pläne und Bilder und die tolle Zukunft reden. Dass wir zehn Millionen Bäume pflanzen und die Dinosaurier zurückkommen werden - was immer sie auch sagen: Keiner glaubt das."
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