Studie über Zeitumstellung Das Morgenlicht gibt den Takt an
Stand: 24.10.2026 • 10:55 Uhr
Was einmal Energie sparen sollte, ist jetzt für viele ein Ärgernis. Die EU-Kommission schlug 2018 vor, die Zeitumstellung abzuschaffen. Nur: Welche Zeit soll gelten? Forschende haben eine Antwort.
Von Wiebke Drescher
Vom Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, ist unangenehm. Noch schwieriger wird es, sich aus dem Bett zu quälen, wenn es draußen dunkel ist. Denn Licht macht den feinen Unterschied - das bestätigt auch die Wissenschaft.
Um zu verstehen, was die Zeit mit unserem Körper und unserer Gesundheit macht, ist ein Blick in unser Inneres erforderlich: die biologische Uhr. In der Wissenschaft trägt sie den Namen zirkadiane Uhr. Sie bestimmt unseren Schlaf-Wach-Rhythmus und muss jeden Tag aufs Neue gestellt werden, wie Henrik Oster, Chronobiologe an der Universität zu Lübeck, erklärt.
Morgenlicht entscheidend
Denn unsere inneren Uhren laufen von Natur aus etwas langsamer als 24 Stunden. Um mit dem Tagesrhythmus Schritt zu halten, passen sie sich täglich an - und das geschieht über das Licht am Morgen.
"Man muss sich das wie eine Uhr vorstellen, die ein kleines bisschen zu langsam läuft und sich jeden Tag eine Stunde verschieben würde. Morgens geht man ran, zieht sie auf und stellt den Zeiger wieder ein Stück nach vorne. Das ist im Grunde genommen der Effekt des Morgenlichts", sagt Oster.
Zellen im Auge reagieren auf Licht
Unsere biologische Uhr sitzt im Gehirn. Bestimmte Zellen der Netzhaut reagieren dabei auf blaue Lichtwellen des Himmels. Das erklärt Ralph Mistlberger, Psychologe an der Simon-Fraser-Universität im kanadischen Burnaby: "Sie sind darauf spezialisiert, dem Gehirn mitzuteilen, ob die Sonne scheint oder nicht. Und so nimmt die zirkadiane Uhr diese Lichtinformationen auf und passt ihre Phase jeden Tag an."
"Sonnenuntergang - wen interessierts?“
Mit diesem Wissen beteiligte sich Mistlberger an einer kanadischen Studie. Forschungsziel war, herauszufinden, welche Zeitregelung für uns gesünder ist. Das Ergebnis: Eine dauerhafte Sommerzeit würde zwar die Abende länger machen, aber besonders im Winter würde sich der Sonnenaufgang um eine weitere Stunde verschieben.
Mistlberger sagt: "Sonnenuntergang - wen interessierts?“ Entscheidend sei der Sonnenaufgang. Diese anhaltende Morgendunkelheit hätte spürbare Folgen. "Unsere zirkadianen Uhren passen sich an den Sonnenaufgang an, und mit einer permanenten Sommerzeit werden wir ganz natürlich länger aufbleiben und später ins Bett gehen wollen", erklärt der Psychologe.
Sozialer Jetlag kann krank machen
Wenn sich jedoch der Alltag - etwa Arbeits- oder Schulbeginn - nicht entsprechend verändert, verschiebt sich die biologische Uhr nach hinten. Das Einschlafen und Aufwachen würde schwerer fallen, weil die innere Uhr noch Nacht signalisiert. Forschende bezeichnen dieses Phänomen als "sozialen Jetlag", der zu chronischem Schlafmangel führen kann.
Zahlreiche Studien belegen die gesundheitlichen Folgen von zu wenig Schlaf: Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme, Bluthochdruck und Stimmungsstörungen können auftreten. Auch die mentale Gesundheit leidet unter schlechtem Schlaf und längerer Morgendunkelheit.
Besonders Winterdepressionen könnten häufiger auftreten. Ob sich dieser Effekt bei einer permanenten Sommerzeit gleichermaßen zeigen würde, "kann man natürlich nur in der Praxis letztendlich testen. Aber die Evidenz ist schon ziemlich stark", sagt Henrik Oster.
Mehr Verkehrsunfälle durch schlechten Schlaf
Studien belegen zudem, dass es an den Tagen nach der Umstellung auf die Sommerzeit im Frühjahr rund zehn Prozent mehr Verkehrsunfälle gibt. Erfahrungen aus den USA und Russland, wo die permanente Sommerzeit zeitweise eingeführt wurde, zeigen dasselbe Bild: Beide Länder schafften sie wieder ab - aufgrund von Unzufriedenheit in der Bevölkerung und einer erhöhten Unfallrate.
Normalzeit passt besser zur inneren Uhr
Die kanadische Studie kam zu dem Ergebnis, dass die gesundheitlichen Vorteile einer dauerhaften Sommerzeit um ein Drittel geringer sind als bei einer permanenten Normalzeit, auch Winterzeit genannt.
In Deutschland und Europa gilt sie von Oktober bis März. Denn sie passt besonders durch das Morgenlicht besser zu unserer biologischen Uhr. Forschende empfehlen daher, die Zeitumstellung ganz abzuschaffen und bei dieser Normalzeit zu bleiben. Henrik Oster rät: "Wenn wir es dann noch schaffen, regelmäßig rauszugehen und Sonnenlicht zu tanken, dann sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg."
