Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass wirtschaftliche Prozesse nicht geradlinig verlaufen, sondern unter Schwankungen? Wie lässt sich das ewige Auf und Ab der Konjunktur in den Griff bekommen, um die negativen Folgen für Beschäftigung und allgemeinen Wohlstand abzumildern? Lässt man alles laufen, oder greift man ein?
Diese grundlegende Frage ist so alt wie die moderne Volkswirtschaftslehre selbst. Ein Meilenstein in dieser Diskussion war die legendäre "General Theory of Employment, Interest and Money" des Briten John Maynard Keynes aus dem Jahr 1936. Diese makroökonomische Theorie legte staatliche Eingriffe auch in marktwirtschaftlichen Systemen nahe, um einerseits Rezessionen abzumildern und andererseits Boomphasen falls nötig abzubremsen.
Das Werk sei "ein schlecht geschriebenes Buch, erbärmlich aufgebaut", urteilte zehn Jahre später der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul A. Samuelson. Es wimmele von Scheinerfolgen und Verwirrungen. "Kurzum, es ist ein geniales Werk."
Solche ambivalenten Urteile über den Keynesianismus haben sich bis heute erhalten. In Deutschland feierte er seine größten Erfolge mit der Idee der "Globalsteuerung" des sozialdemokratischen Wirtschaftsministers Karl Schiller (1966 bis 1972), der überzeugt war, dass man die Volkswirtschaft ähnlich einer Maschine steuern und Konjunkturkrisen mit kluger Wirtschaftspolitik planmäßig einhegen könne.
In den 1970ern scheiterte die klassische Stabilitätspolitik
Doch so einfach war es dann doch nicht. Bald musste Schiller zum einen feststellen, dass Politiker in Boomphasen ungern sparen, wie es Keynes gefordert hatte, um dann im Abschwung genügend Mittel zum Eingreifen zu haben. Zum anderen erwies sich das richtige Timing als äußerst schwierig. In der Realität kamen staatliche Eingriffe, die antizyklisch wirken sollten, erst dann an, wenn der Zyklus schon wieder in der nächsten Phase war, und führten etwa in Boomphasen zu Überhitzung und starker Inflation.
Auf die weltweite Stagflation nach der Ölkrise 1973 hatte der klassische Keynesianismus dann keine Antwort mehr, weil er davon ausging, dass hohe Arbeitslosigkeit und Inflation niemals gleichzeitig auftreten können. Es folgte ein Jahrzehnt geringen Wachstums, hoher Arbeitslosigkeit und der Geldentwertung. Daraufhin gewann der Gegenentwurf eines marktorientierten Monetarismus die Oberhand, der die Konjunktur vorwiegend mit geldpolitischen Maßnahmen zu steuern versuchte.
"Modelle auf der ganzen Welt genutzt"
Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften kann dagegen als Ritterschlag für eine neokeynesianische Stabilisierungspolitik verstanden werden. Die Preisträger Robert E. Hall und Michael Woodford aus den USA hätten mit ihren Arbeiten eine stabile theoretische Grundlage für Modelle geschaffen, die heute von Zentralbanken und Regierungen auf der ganzen Welt genutzt würden, erklärte John Hassler, Vorsitzender des Komitees für den Wirtschaftspreis.
Auf Grundlage ihrer Modelle könnten gut abgestimmte fiskal- und geldpolitische Maßnahmen die wirtschaftlichen Ausschläge nach oben und unten abmildern, sagte die Generalsekretärin der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Ellen Moons. Es geht dabei also erneut um den Versuch, mithilfe von Staatsausgaben, Steuerpolitik und Geldpolitik konjunkturelle Höhen und Tiefen abzufedern.
Wie entscheiden sich Verbraucher und Unternehmen?
Was macht die Modelle der beiden US-Ökonomen also besser als frühere keynesianische Ansätze? Ein wesentlicher Unterschied zum klassischen Keynesianismus ist eine mikro-, nicht makroökonomische Herangehensweise.
Frühere Ansätze beruhten auf statistischen Zusammenhängen zwischen makroökonomischen Variablen wie Inflation, Produktion und Konsum. Hall und Woodford haben dagegen auf mikroökonomischer Ebene untersucht, wie sich Verbraucher und Unternehmen entscheiden, wenn sie mit wirtschaftlichen Veränderungen konfrontiert werden. Dabei erachteten sie vor allem das vorausschauende Handeln in deren Spar- und Preisentscheidungen als wichtig für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft.
"Wenn Regierungen und Zentralbanken ihre wirtschaftspolitischen Pläne kommunizieren, können sie diese Zukunftsperspektive beeinflussen und die Wirtschaft in die richtige Richtung lenken", so die Akademie. Das habe bereits erfolgreiche wirtschafts- und geldpolitische Entscheidungen ermöglicht: "Seit ihrer Einführung haben sich die neuen Modelle als äußerst hilfreich bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Abschwünge erwiesen, von denen wir betroffen waren."
"Gerade im aktuellen Umfeld wichtig"
Auch Clemens Fuest, Präsident des Münchener ifo-Instituts, lobte die Preisträger. Der Nobelpreis würdige einen zentralen Fortschritt der modernen Makroökonomie: die mikroökonomischen Grundlagen der makroökonomischen Stabilisierung. "Konjunkturschwankungen, Arbeitslosigkeit und Inflation lassen sich nur verstehen, wenn man berücksichtigt, wie Haushalte und Unternehmen entscheiden und wie sie auf wirtschaftspolitische Maßnahmen reagieren", so Fuest. Die Auszeichnung gehe an eine Forschung, die Theorie und wirtschaftspolitische Praxis erfolgreich verbinde.
So habe Woodfords Forschung erklärt, weshalb nicht nur aktuelle Zinsentscheidungen zählen, sondern auch die Erwartungen über den künftigen geldpolitischen Kurs, sagte Fuest. "Gerade im aktuellen Umfeld steigender Inflation und zunehmender Attacken auf Zentralbankunabhängigkeit ist diese Forschung wichtig."
