Analyse
Social Media-Performance im Bundestag Wie sich Bundespolitiker auf Social Media schlagen
Stand: 17.10.2026 • 04:39 Uhr
Nah an den Leuten oder unangemessen? Auf Social Media versuchen sich die Spitzenpolitiker mit ihrer eigenen Ansprache. Eine Analyse der Postings zeigt: Es gibt klare Gewinner und Verlierer.
Eine Analyse von Fynn Dresler (rbb) und Philine Elster (WDR)
61 Millionen Aufrufe in 365 Videos auf TikTok. So oft wurden die Videos von Spitzenpolitikerinnen, Fraktionschefs und Bundesministerien seit Anfang September auf der Videoplattform angeklickt. Mehr als die Hälfte der Klicks entfallen auf zwei Konten: Alice Weidel und die AfD-Fraktion im Bundestag. Auf Instagram kommen nochmal mehr als 60 Millionen Klicks hinzu. Diese digitalen Zahlen sind im Bundestag nicht sichtbar, aber sie prägen schon längst, wie Politik gemacht wird.
Eine Auswertung der Accounts der Bundespolitikerinnen und Politiker seit der Sommerpause zeigt, dass die Politiker im Netz ganz unterschiedlich Gehör finden. Auffällig ist, dass neben den Postings der AfD auch die Videos und Fotos der Linken viel angeschaut werden. Allein diese beiden Parteien erzielen auf TikTok mehr als die Hälfte aller Aufrufe, während deren Wählerinnen und Wähler bei der vergangenen Bundestagswahl nur etwa ein Drittel der Stimmen ausgemacht haben.
Gemessen an ihrer Wählerschaft sind AfD und Linke Online überrepräsentiert. Dafür sorgt wohl unter anderem, dass AfD und Linke besonders viel veröffentlichen. Außerdem setzen diese beiden Parteien online stark auf Angriffe auf den politischen Gegner. Das wird laut Analysen von den Algorithmen von TikTok und Instagram belohnt.
Vom Kanzlerbonus profitiert nicht nur Merz
Nach der AfD klafft online eine große Lücke. Beim Blick auf die Reichweite folgen der Partei erst mit einigem Abstand die Accounts der politischen Konkurrenz: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner mit 6,6 Millionen Aufrufen seit der Sommerpause, die Linken-Fraktion und der Bundeskanzler mit jeweils knapp 5,3 Millionen.
Bei Kanzler Friedrich Merz zeigt ein Blick in die Kommentarspalte, dass die vielen Aufrufe eher durch sein hohes Amt zustande kommen als durch auf Social Media zugeschnittenen Content. Das beste Video des Kanzlers selbst mit den meisten Aufrufen (3,3 Millionen) behandelt die Spritpreisentlastung.
Was aber ein Blick auf die Zahlen seit Ende der Sommerpause zeigt: Der Kanzler als Thema - das bringt Klicks. So beginnt das erfolgreichste Video von Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinneck auf Instagram (rund zwei Millionen Aufrufe) mit den Worten "Herr Merz - wenn ich von Ihnen noch einmal höre!" und das erfolgreichste der AfD-Fraktion, eine Rede von AfD-Chefin Alice Weidel mit mehr als vier Millionen Aufrufen mit "Herr Merz, die Deutschen sind nicht zu faul, um mehr zu arbeiten!".
Besonders deutlich ist dieses Phänomen beim erfolgreichsten Video auf Instagram seit der Sommerpause: 6,7 Millionen Views trotz einer Länge von 15 Minuten ist die Rede im Bundestag von Katharina Dröge: beginnend mit den Worten "Sehr geehrter Herr Merz, ich sage ihnen ganz persönlich, ich nehme Ihnen Ihre Betroffenheit und Erschütterung über dieses schlimme Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt sehr ab."
Ein überraschender Star im Netz
In der Regierung fällt Außenminister Johann Wadephul (CDU) nicht gerade mit außergewöhnlichen Auftritten auf. Anders aber im Netz: Ob mit Essenstests im Ausland oder wiederkehrende Videos wie Wadephuls Reaktion auf russische Desinformation. Seine Auftritte mit Musik, bekannten Memes und schnellen Schnitten passen zu Instagram und TikTok. Und das wissen er und sein Team: Sein mit am meisten geklicktes Video auf Instagram (7,5 Mio) hat er am 6.10. in ähnlicher Form erneut gepostet.
Damit hat er Erfolg: Über 300.000 Menschen folgen Wadephul auf Instagram, 185.000 auf TikTok. Sie liken und kommentieren die Videos des Ministers oder schicken sie weiter. Das alles erzeugt Engagement, eine wichtige Währung auf der Plattform. Auf TikTok haben Wadephuls Beiträge nach Heidi Reichinnek und der Linken-Fraktion das höchste Engagement.
Was Social Media mit der Politik macht
Social Media Content spielt im Bundestag und in der Politik eine zentrale Rolle und trägt mittlerweile maßgeblich zur Außenwahrnehmung bei. Wie verändert diese Tatsache die Politik? Martin Fuchs, Politik- und Digitalberater, beobachtet politische Social-Media-Kommunikation seit Jahren und sagt: "Das hat auf jeden Fall das Bild der Bürgerinnen und Bürger von Politik verändert. Weil natürlich meistens die Sachen groß werden und breite Wahrnehmung erzielen, die polarisierend sind, die zugespitzt sind, und ich glaube der Diskurs hat sich dadurch verändert, sowohl analog als auch digital - und das nicht unbedingt zum Besseren."
Steile Hooks, steigende Aufrufe: Wer direkt zu Beginn eines Beitrags einen Nerv trifft, generiert Aufrufe. Das zeigen auch Studien: Videoclips mit beispielsweise Zuspitzungen oder Angriffen werden im Schnitt rund 40 Prozent häufiger angesehen als solche ohne. "Gerade auch die erfolgreichen Beiträge sind sehr stark unterhaltend und das ist Politik in den wenigsten Fällen: Politik ist ernst, Politik ist sachorientiert, und Inhalte fallen durch Social Media Kommunikation immer stärker in den Hintergrund und das ist nicht die beste Grundlage für eine funktionierende Demokratie."
Kritik an Content Creation im Plenum
Eine Person, die selbst zahlentechnisch ganz weit oben auf Social Media mitmischt, selbst aber auch oft Kritik an Politik auf sozialen Netzwerken übt, ist Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Sie selbst erreichte mit ihren Videos auf Instagram im untersuchten Zeitraum fast zehn Millionen Menschen. Auch ihre Arbeit als Bundestagspräsidentin steht dabei im Fokus.
Trotzdem sagt sie immer wieder öffentlich, dass das Plenum im Bundestag eben für Politik und die Kollegen vor Ort sei und man beispielsweise nicht seine Follower in einer Ansprache zu begrüßen hat. Dass Videoausschnitte aus Debatten im Bundestag generell gut auf Social Media funktionieren, zeigt auch ihr Account: In ihrem erfolgreichsten Video der vergangenen Wochen auf TikTok (5 Mio.) ermahnt sie die Zwischenrufer der AfD während der Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz in der Generaldebatte vom 12. September.
Das Schlusslicht auf Social Media
Schlusslicht beim Blick auf die Followerzahlen auf TikTok ist die Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD). Ihr folgen gerade mal etwas mehr als 6.000 Menschen auf TikTok. Auf Instagram liegt sie mit Sören Pellmann (Die Linke) auf den letzten Plätzen. Dabei postet Pellmann viel, und Hubertz greift häufig aktuelle Trends und den Stil der Plattform auf. Doch zwischen der lauten Konkurrenz dringt Hubertz nicht durch. Ein Grund dafür könnte sein, dass sie kein bekanntes Gesicht der Regierung ist und Schwierigkeiten hat, mit ihrer Politik zu verfangen.
Schlechter sieht es da nur bei den Bundespolitikerinnen und Politikern aus, die zum Beispiel nur auf Instagram und gar nicht auf TikTok vertreten sind, wie Wirtschaftministerin Katherina Reiche (CDU) oder Umweltminister Carsten Schneider (SPD).
