Stand: 14.10.2026 • 16:04 Uhr
Kostendruck durch teure Energie, hohe Arbeitskosten und geopolitische Krisen - die Stimmung von Unternehmen in Deutschland ist getrübt. Welchen Einfluss haben in dieser Zeit die Veränderungen durch Künstliche Intelligenz?
Von Anna Knake, SWR
Im kleinen Ort Ehningen in Baden-Württemberg hat das Software- und Beratungsunternehmen IBM vor rund einem Jahr seinen neuen Tech-Campus bezogen. Dort arbeitet eines der größten Forschungs-Teams des US-Konzerns. Mit dem Neubau hat sich das Unternehmen langfristig zum Standort in Deutschland bekannt - trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage im Land. "Wir sind eine der größten Volkswirtschaften der Welt, wir haben innovative Kunden, fantastische Talente und wir sind stark in der Forschung", betont die Geschäftsführerin von IBM Deutschland, Christine Rupp.
Forschung als Standort-Stärke
Auch deswegen habe man am Standort Ehningen im Jahr 2020 in den ersten Quantencomputer auf europäischem Boden investiert. Seine komplexen Rechenleistungen werden vor allem für die Forschung genutzt, auch im Zusammenspiel mit KI-Anwendungen. Und die spielen für IBM eine zentrale Rolle. Mit KI-Lösungen für Großkunden will sich das Unternehmen im Markt positionieren.
Bei diesem Geschäft geht es darum, die Geschäftsprozesse von Kunden mithilfe Künstlicher Intelligenz zu optimieren, um so Kosten und Zeit zu sparen. Ein Beispiel war ein Pilotprojekt in der Verwaltung des Jugendamtes in Augsburg. Hier half die KI, Unterhaltszahlungen zu berechnen und so die Fachkräfte zu entlasten.
Mit KI-Schwerpunkten seien Konzerne wie IBM gegen die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen besser gewappnet, sagt der Betriebswirt Jannis Bischof von der Universität in Mannheim: "Diese Unternehmen können dem aktuellen Kostendruck besser begegnen. Sie profitieren von den hohen Investitionen in die Künstliche Intelligenz." Kunden seien entsprechend bereit, höhere Preise zu akzeptieren. Die Unternehmen könnten die aktuellen Kostensteigerungen also einfacher weitergeben.
Was die Stimmung in der Wirtschaft trübt
Und trotzdem: Im Juli verfehlte IBM die eigenen Erwartungen und musste einen drastischen Aktieneinbruch hinnehmen. Und auch in Deutschland kämpft das Unternehmen mit strukturellen Nachteilen, bestätigt Christine Rupp.
Als Standort leide Deutschland unter schwerfälligen Genehmigungsverfahren, und der Zugang zu insbesondere Risikokapital sei schwieriger als in anderen Ländern. Außerdem hapere es an der Einstellung: "Das Anpacken, das Momentum ist etwas, bei dem wir uns gemeinsam vielleicht mal an die eigene Nase fassen dürfen."
In anderen Wirtschaftszweigen, allen voran der Industrie, ist die Stimmung getrübt, auch wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) jüngst seine Prognose für das diesjährige Wachstum der deutschen Wirtschaft auf 1,3 Prozent anhob. Laut Betriebswirt Bischof zeigen auch Umfragen der Universität Mannheim, dass vor allem der Kostendruck durch die Energiepreise, hohe Arbeitskosten und geopolitische Unsicherheiten die Unternehmen belasten. Sie erwarten von der Politik, Standortnachteile zu beseitigen.
"Unsere Unternehmenssteuern sind vergleichsweise hoch", so der Experte. Hier könne die Politik Unternehmen entlasten und auf eine positive Investitionsentwicklung setzen. Außerdem werde unter den Unternehmen die Forderung laut, die Energiekosten zu senken, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.
KI: Gefahr oder Chance für den Arbeitsmarkt?
Für IBM steht Wettbewerbsfähigkeit in Zukunft in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz. Auf die Frage, inwieweit die auch eine Konkurrenz für Arbeitnehmende sein kann, antwortet die Geschäftsführerin: "KI ist eines der größten Veränderungselemente seit Jahrzehnten, vielleicht sogar seit der Industriellen Revolution." Es sei verständlich, dass gewisse Menschen Sorge hätten, aber es sei entscheidend, die KI als Chance zu bewerten. "Mit ihr können wir unsere Produktivitätslevel steigern und die Wettbewerbsfähigkeit in einem Hochlohnland wie Deutschland wieder auf ein entsprechendes Niveau bekommen."
Nach Einschätzung des Experten wird eine Einführung von KI dort erfolgreich sein, wo sie von Fachkräften begleitet wird. Wichtig seien dabei Fort- und Weiterbildungen. Der Einsatz von KI bedeute entsprechend für den Arbeitsmarkt keinesfalls nur einen Abbau von Arbeitsplätzen. "Es werden umso mehr Fachkräfte benötigt", sagt Bischof.
Angst vor der KI müssten Beschäftigte in diesem Kontext nicht haben. "Im Gegenteil, Sorgen sollten sich diejenigen machen, die in Unternehmen arbeiten, die sich nicht mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen und nicht investieren." Denn im Wettbewerb gehe es am Ende immer um Produktivitätsvorteile.
Personal-Anliegen bearbeitet ein Chatbot
Der IBM-Konzern, der weltweit rund 300.000 Menschen beschäftigt, will die eigene KI auch im eigenen Unternehmen nutzen - zum Beispiel in allen verwaltenden Positionen. "Da sind wir selbst unser eigener Kunde null", sagt Rupp.
Anschaulich werde das im Bereich der Personalabteilung. Alle Mitarbeitenden interagierten bei entsprechenden Anliegen mit einem Chatbot, der auf Anfragen reagiere und sich dann darum kümmere. In der Belegschaft sorgte die Einführung des Chatbots laut Rupp zunächst für Unruhe, mittlerweile habe sich aber Zufriedenheit breit gemacht: "Unsere Durchlaufzeiten haben sich um 75 Prozent beschleunigt." Heute nutzten alle Managerinnen und Manager bei IBM den Bot für ihre Teams.
